Identität

„Das ist meins“ – Stadtidentität

Text: Prof. Dr. Oliver Scheytt

Wie erleben wir eine Stadt? Was nehmen wir von einer Stadt wahr? Zunächst erleben wir eine Stadt als Bauwerk oder Summe von Bauten. Fixpunkte wie Altstadt oder Neustadt, Hochhäuser oder Flachdächer, Türme, Grün und Wasser, die das Erlebnisbild wesentlich bestimmen, strukturieren unser Stadterleben. Sie dienen der Orientierung, dem Zurechtfinden – möglicherweise auch in einer noch nicht vertrauten oder auch in der schon bekannten Umgebung.

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Kaufhäuser und Plätze, historische Bauten und Brunnen sind es, die die Stadt als spezifisches Gebilde anschaulich beschreibbar machen, ihr einen unverwechselbaren Charakter geben, wenn nicht die Gleichförmigkeit überall anzutreffender Einheitsarchitektur – gerade auch von Einzelhandelsketten – die Individualität einebnen. Die historischen und topografischen Elemente sind für die Wahrnehmung der Stadt von entscheidender, ja fast unersetzbarer Bedeutung. Kulturbauten wie Museen oder Theater, Bildungseinrichtungen wie Bibliotheken, Musikschulen oder Volkshochschulen können ebensolche markanten Punkte sein. In ihnen drückt sich das Bewusstsein und Selbstbewusstsein einer Stadt aus.

Innerhalb der physisch-baulichen Gestalt entwickelt sich soziales und kulturelles Leben. Dies trägt ebenfalls wesentlich zum Erscheinungsbild einer Stadt bei. Doch auch hier geht es zunächst um das „äußere Bild“: Wenn wir an die „Kö“ in Düsseldorf und das dortige Publikum denken, haben wir ein anderes Sozialgefüge vor Augen, als wenn wir uns die Menschen auf den Straßen von Duisburg-Ruhrort vorstellen. Wer sich auf dem Marktplatz in Nürnberg aufhält, fränkisches Idiom vernimmt und Nürnberger Rostbratwürste im Angebot sieht, wird dieses Stadterlebnis nicht mit dem verwechseln, was ihm der Hamburger Fischmarkt vermittelt. Das soziale und kulturelle Gefüge bestimmt entscheidend das
mit, was wir Ambiente nennen. Dazu zählen natürlich auch die Bevölkerungsgruppen und
deren Verhältnis zueinander, das Milieu der Einwohner und ihrer landsmannschaftlichen Zugehörigkeit, Ausländer oder auch Studenten. Es wird deutlich: Der Erlebnisreichtum einer Stadt wird beeinflusst von einer Vielzahl von Faktoren, besonders von der baulichen Gestalt. Durch sie wird ein wesentlicher Ausschnitt des Gesamtspektrums des Stadterlebens beeinflusst, das von der Freizeitgestaltung über die Konsumangebote bis hin zu den sozialen und kulturellen Begegnungen der Bewohner und Besucher reicht.

Ein entscheidendes Moment von Stadtwahrnehmung ist indes die Perspektive, aus der heraus der Einwohner oder Besucher sich in der oder in die Stadt bewegt. Kommt er als Konsument oder Käufer, interessiert ihn der architektonisch gelungene Museumsneubau an der Ecke vielleicht nicht so sehr, wie die tatsächlichen Einkaufsmöglichkeiten und das Ambiente, in dem er sich beim Einkauf bewegt – auch wenn der Museumsneubau vielleicht das Ambiente mitzubestimmen vermag. So sind die unterschiedlichen Grade des Betroffenseins, die persönlichen Einstellungen, die durch Erfahrung, Vorbildung, Beruf und akute Interessen des Augenblicks geprägt sind, mitentscheidend für die Wahrnehmungsperspektive. Das Vorstellungsbild von einer Stadt ist letztlich davon geprägt, wie wir die Wahrnehmungen bewerten, welche Empfindungen und Urteile wir an die Wahrnehmung knüpfen.

Identität und Image

Wesentlich zu unterscheiden ist dabei schließlich zwischen dem unmittelbaren Stadterlebnis, wenn wir uns selbst in der Stadt aufhalten, folglich der eigenen Wahrnehmung und Bewertung einerseits und dem „vermittelten“ Stadterlebnis andererseits, also dem durch die Medien oder durch Berichte Dritter geprägten (und beurteilten) Stadterleben, das zur Imagebildung entscheidend beiträgt.

Das Stadtimage zu gestalten, ja zu verwandeln, ist eine Domäne, in der sich die Akteure des Stadtmarketings tummeln. Images sind geprägt vom Vergleich mit einem Wunschbild von Stadt, aber auch aus dem Vergleich mit anderen Städten und Stadterlebnissen. Im kommunalen Bereich ist das Image eine uralte Erscheinung, nur die amerikanische Bezeichnung gibt dieser Erscheinung eine moderne Form. Es ist zum Beispiel eine Angelegenheit des Images, wenn sich die Bewohner des „Unterdorfes“ für viel besonderer halten, als die Bewohner des „Oberdorfes“ anscheinend sind – und umgekehrt. In Gebirgsgegenden fühlen sich die Leute im Oberdorf „stark, mutig, ernst“, während sie die nur wenige hundert Meter tiefer lebenden Menschen im Unterdorf als „verweichlicht, kraftlos, leichtlebig“ ansehen. Die Leute im Unterdorf meinen, sie seien „klüger, gesünder, lebensfroher“ als die Nachbarn oben, die sie als „stur, arm, zurückgeblieben“ abstempeln.

Image ist also das Bild, das sich viele von einer Stadt machen – es ist die Nivellierung der Erscheinungsbilder vieler zu einem „typischen“. Ein Image ist meist schon vorhanden, es setzt kein eigenes Erleben voraus. Stadtklischees, Stadtimages haben sich im Laufe der Zeit meist tief in die öffentliche Meinung eingeprägt. Sie sind von großer Dauerhaftigkeit und wandeln sich oft langsamer als die Städte selbst, wie etwa das Beispiel des Ruhrgebietes belegt, wo es längst kaum mehr Zechen gibt, Besucher aber immer noch meinen, ihre Hemden würden eingeschwärzt. Ein Stadtimage kann daher von der (inzwischen verwandelten) Stadtidentität abweichen.

Das Image einer Stadt hat zudem sehr wesentlich mit ihren Zukunftschancen zu tun. Die Stadt braucht ein „gutes Image“, wenn sie die Industrie ansiedeln oder den Fremdenverkehr aktivieren will, Kongresse und überregionale Veranstaltungen anziehen oder auch als „Einkaufsstadt“ attraktiv sein möchte.

Für die Imagebildung und Identitätsentwicklung einer Stadt ist Kultur ein bestimmendes, ja prägendes Element. Das Selbstverständnis einer Stadt entfaltet sich gerade auch in und durch Kultur und die mit ihr verbundene Kommunikation. Als Beispiele seien nur die Hamburger Elbphilharmonie (Kulturimmobilie), die Salzburger Festspiele (Kulturereignis) oder das Erholungshaus von Bayer Kultur in Leverkusen (kontinuierliches Angebot) genannt. Kulturorte und Kulturereignisse behandeln eine zentrale Fragestellung: Wie lebt und arbeitet der Mensch? Diese Frage ist die Grundmelodie von Kultur in der Stadt. Die Lebensweise des Menschen, das Menschliche schlechthin und die Rahmenbedingungen menschlichen Lebens sowie das Zusammenleben von Kulturen stehen im Fokus. Kunst und Kultur befördern so die Selbstreflexion: Wo kommen wir her? Was macht uns aus? Wie wollen wir unsere Zukunft gestalten? Mit diesen Fragen werden wir in jeglichem kulturellen Medium und künstlerischer Produktion konfrontiert und finden dazu je eigene Antworten, die sich in der Stadtgesellschaft zu verbindenden Erzählungen verdichten. Kultureinrichtungen gehören daher zu den wichtigsten Orten der Kommunikation in und über die Stadt und ihre Identität. Hier treffen sich täglich und allabendlich Menschen zu gemeinsamem Tun, Erlebnis, Austausch, Reflexion, Unterhaltung, ob in der Szenekneipe um die Ecke, im Theater, im Museum, im Kino, im Konzertsaal, im Kulturladen usw. Kulturelle Ereignisse, traditionsgeladene Feste, aber auch zeitgenössische Festivals geben den Rhythmus für den Gang der Stadt.

Mit und durch Kunst und Kultur wird daher nicht nur Image, sondern tiefergreifend Identität gebildet: Während es beim Image um das typische, nivellierte Erscheinungsbild geht, geht es bei der Identität um das Eigene, das Echte, das Originelle einer Stadt und der sie prägenden Bevölkerung, des „Menschenschlags“.

Identität und Identifikation

Die Wechselwirkung zwischen den Bürgerinnen und Bürgern als den Beobachtern und Akteuren einerseits und der Stadtgestalt, der Stadtkultur und dem städtischen Leben andererseits drückt sich in der Identifikation aus nach dem Motto: „So sehen wir uns und so wollen wir gesehen werden“. Identifikation der Bürgerschaft mit ihrer Stadt ist Voraussetzung dafür, dass diese zu Kommunikatoren und Multiplikatoren der (hoffentlich mit positiven Elementen assoziierten) Stadtidentität werden. Bürgerinnen und Bürger sind vielfach stolz auf die Wahr- und Merkzeichen ihrer Stadt: sei es der Aachener Dom mit seiner Bedeutung für die deutschen Könige, das Lied Herbert Grönemeyers in seiner Heimatstadt Bochum „… tief im Westen“, die Radschläger in Düsseldorf, Schalke 04 in Gelsenkirchen, die landwirtschaftliche Tradition von Neuenkirchen, das Künstlerdorf in Schöppingen, die Wuppertaler Schwebebahn oder das Bayer-Kreuz, das schon von weit her von der Autobahn ein sichtbares Zeichen setzt. Die damit verbundenen Bilder in den Köpfen sind mehr als reine Imagefaktoren. Sie symbolisieren
etwas Unverwechselbares und Originelles, mit dem sich die Stadtbewohner deshalb identifizieren können, weil es etwas Eigenes und Besonderes darstellt, was andere so nicht haben.

Kulturprogramme und -ereignisse bieten vielfältige Möglichkeiten zur Auseinandersetzung mit den identitätsstiftenden Merkmalen der Stadt und zur Aneignung der diesen innewohnenden Traditionen und Bedeutungen. Je stärker die Identität, das Besondere der Stadt angesprochen ist und je mehr die Bürgerschaft insgesamt aktiviert wird, die (kulturelle) Öffentlichkeit infiziert wird von den aus der Stadtidentität entwickelten Leitbildern, desto eher werden die Stadtbewohner sagen: „Das ist Meins“ und sich mit ihrer Stadt identifizieren.

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