Gender

Warum Gender nicht „gaga“ ist

Text: Bettina Schreck Holger Edmaier – Projekt 100% MENSCH

Momentan können wir innerhalb unserer Gesellschaft und auch weltweit zwei Tendenzen beobachten: Neue und vielfältige Gender bzw. Geschlechter treten stärker in die öffentliche Sichtbarkeit und die jahrzehntelangen Bemühungen um die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung von LSBTTIQ* (Lesben, Schwulen, Transsexuellen, Transgendern, Intersexuellen und queeren Menschen) tragen erste Früchte. Die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare oder „Die Dritte Option“ sind Beispiele dafür, dass eine „Revolution von unten“ erfolgreich sein kann.

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Gleichzeitig lässt sich ein konservativer, geradezu reaktionärer Backlash feststellen, der am liebsten wieder zu einem Geschlechterrollenbegriff der 1950er-Jahre zurückkehren möchte. Auf europäischer Ebene tauchte eine Agenda ultrakonservativer Strömungen auf, die sich unter dem Titel „Restoring the Natural Order“ explizit gegen Abtreibung, gleichgeschlechtliche Ehen und Menschenrechte von Frauen, Schwulen, Lesben und trans*Personen richtet. Die „Erfolge“ dieser Agenda können wir aktuell sowohl in Ungarn (Verbot des Studiengangs „Geschlechterstudien“) als auch in Polen in der geplanten Verschärfung des Abtreibungsverbots ablesen.

In Deutschland geistern plakative Begriffe wie „Frühsexualisierung“, „Genderisierung“, „Gender-Gaga“ oder gar „Genderwahn“ durch Medien und Wahlprogramme. Diese werden von rechten Organisationen wie beispielsweise der sogenannten „Demo für alle“, dem Straßenarm der AfD, verbreitet. Unter dem Deckmantel „Schützt unsere Kinder“ werden all jene als „Gender-Ideologen“ diffamiert, die in Schulen und Gesellschaft wichtige Aufklärungsarbeit zu den Themen „Sexualität“, „Geschlechterrollen“ oder „sexuelle Orientierung“ leisten.

Ein Beispiel, an dem sich beide Tendenzen deutlich zeigen, sind die Reaktionen auf die bayrische Landtagsabgeordnete Tessa Ganserer – der ersten transidenten Abgeordneten in einem deutschen Landtag. Die bayrische Landtagspräsidentin Ilse Aigner solidarisierte sich mit ihr und stellte klar, dass Tessa Ganserer von nun an ausschließlich als Frau anzusprechen sei und sie keinerlei Diffamierungen dulden werde. In den sozialen Medien bahnten sich daraufhin vor allem auf dem Facebook-Auftritt der „Jungen Freiheit“ Hass, Hetze und pathologisierende Äußerungen ungefiltert ihren Weg.

Wir müssen jedoch gar nicht bis an den rechten Rand unserer Gesellschaft blicken, um festzustellen, dass auch wir beharrlich und aus Gewohnheit an einer Zweigeschlechterordnung festhalten, die wenig bis gar keinen Spielraum für Geschlechter jenseits der Binärität zulässt: Der erste Satz, den Eltern und auch das Kind in dieser Welt zu hören bekommen, ist: „Es ist ein Junge!“ oder „Es ist ein Mädchen!“. Doch die Frage „Was ist es denn?“, die wir den frischgebackenen Eltern nach der Geburt ihres Kindes so gerne stellen, lautet genaugenommen: „Was für ein Genital hat euer Kind?“ Ein flüchtiger Blick zwischen die Beine scheint auszureichen, um das Geschlecht eines Menschen anhand der Genitalien entweder der einen oder der anderen Option zuzuschlagen.

Diesem ersten Akt der Geschlechtszuweisung folgen bald weitere: das Anbringen von rosa oder hellblauen Schleifen auf kahlen Säuglingsköpfchen, um ja keinen Zweifel am Geschlecht des Kindes aufkommen zu lassen. Hier gesellt sich nun der Begriff „Gender“ zum rein biologischen Geschlechterverständnis hinzu. „Gender“ bezeichnet das sogenannte soziale Geschlecht, wie es innerhalb der jeweiligen Kultur gefasst wird. „Gender“ umfasst auch eine bestimmte Auffassung von Geschlechterrollen, die wiederum geschlechterkonformes Verhalten verlangen. Dazu gehört zum Beispiel das Tragen entsprechender Kleidung, bestimmte „männliche“ oder „weibliche“ Eigenschaften sowie Konventionen. Das vermeintlich eindeutige biologische Geschlecht wird also durch das korrespondierende soziale Geschlecht unterstrichen und verstärkt. Zusammen zementieren sie die gesellschaftliche Norm einer Zweigeschlechtlichkeit.

Welche Durchschlagskraft diese Norm hat, zeigt sich in besonders gewaltsamer Weise an den Operationen an intersexuellen Säuglingen und Kleinkindern. Kann nach der Geburt kein eindeutiges Geschlecht aufgrund der äußeren Form der Genitalien festgelegt werden – andere Formen der Intersexualität treten erst später und anders zutage –, werden auch in Deutschland noch immer genitalzwangszuweisende Operationen mit irreversiblen physischen und psychischen Spätfolgen durchgeführt, bevor das Kind selbst äußern kann, welches Geschlecht es hat. Das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit und auf (geschlechtliche) Selbstbestimmung, also grundlegende Menschenrechte, wiegen hier weit weniger schwer als der Drang der Gesellschaft nach einer eindeutigen Geschlechtszuordnung.

„Das Geschlecht sitzt nicht zwischen den Beinen, sondern zwischen den Ohren!“ Diese Aussage mag vielleicht zunächst provokant anmuten; sie ist jedoch zentral für die Aufklärungsarbeit vom Projekt 100% MENSCH. Zum einen lässt sich daraus ableiten, dass „Geschlecht“ ein komplexes Gebilde ist, das sich aus zahlreichen Faktoren zusammensetzt. Zum anderen bildet sie sozusagen das Herzstück der Ethik, der wir uns als Menschenrechtsorganisation verschrieben haben: Jeder Mensch hat das Recht auf geschlechtliche und körperliche Selbstbestimmung.

Das bedeutet, dass niemand außer dem betreffenden Menschen eine Aussage darüber machen kann, welches Geschlecht mensch hat. Insbesondere, wenn sich dieses Geschlecht außerhalb, jenseits oder zwischen dem verortet, was sich landläufig mit „weiblich“ oder „männlich“ beschreiben lässt.
Um Menschen als die Menschen anerkennen zu können, die sie wirklich sind – ohne Fremdbestimmung – und auch, um die Geschlechterrollen „Mann“ und „Frau“ von dem belastenden Druck der ständigen gesellschaftlichen Erwartungshaltung zu befreien, benötigen wir nichts weniger als eine Gender-Revolution!

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