Entartete Kunst

Edition Memoria

von Thomas B. Schumann

Eine halbe Million Menschen wurde ab 1933 wegen ihrer jüdischen Herkunft oder politischen Gesinnung von den Nationalsozialisten aus Deutschland ins weltweite Exil vertrieben. Auch zehntausend Kulturschaffende aller Disziplinen waren davon betroffen, so z. B. Thomas Mann, Bertolt Brecht, Arnold Schönberg, Kurt Weill, Max Reinhardt, Marlene Dietrich, Elisabeth Bergner, Billy Wilder, Walter Gropius, Albert Einstein, Sigmund Freud, Karl Jaspers, Hannah Arendt oder Walter Benjamin. Etwa tausend bildende Künstlerinnen und Künstler mussten emigrieren.

Margarete Berger-Hamerschlag, Modeentwurf 1953, Aquarell und Tusche auf braunem PapierZoom image
Margarete Berger-Hamerschlag, Modeentwurf 1953, Aquarell und Tusche auf braunem Papier

Das Exil bereitete den Geflohenen zumeist eine Fülle von Problemen, nämlich permanente Unsicherheit, Entbehrung, Verzweiflung. Es war ein ständiger Kampf ums physische wie psychische Überleben, wobei ein Schicksal tragischer verlief als das andere. „Nicht wenige Emigranten“, so schrieb die Exil-Autorin Gabriele Tergit einmal, „lebten nicht die natürliche Spanne ihres Daseins zu Ende. Sie endeten in Konzentrationslagern, im Ozean, durch Selbstmord. Kein Grabstein erinnert an sie.“

Die materiellen wie immateriellen Bedrängnisse der Exilierten hörten keineswegs nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs auf. Sie wurden nicht zur Rückkehr (nach Deutschland-West und Österreich) und zur Mitarbeit beim politischen und kulturellen Wiederaufbau aufgefordert. Denn Wirtschaftswunder und Vergangenheitsverdrängung standen auf der Tagesordnung. So blieben die meisten Exil-Kulturschaffenden und ihre Werke nach 1945 unbeachtet: „Man emigriert eben auf Lebenszeit“ (Georg Stefan Troller) oder „Die Fahrt ins Exil ist ´the journey of no return`“ (Carl Zuckmayer), wie es zwei Betroffene formulierten.

Schöpferische Nachwirkungen

Die Vertreibung ins Exil durch die Nationalsozialisten bewirkte einen geistig-kulturellen Aderlass, wie er nie zuvor und seitdem in einer Gesellschaft stattgefunden hat, und zeigt bis heute Wirkung – denn nach wie vor sind nicht wenig emigrierte Kulturschaffende aus dem kulturellen Gedächtnis verschwunden. Dies gilt besonders für bildende Künstlerinnen und Künstler, von denen viele – außer wenigen Berühmtheiten wie Max Beckmann, Oskar Kokoschka, George Grosz oder Max Ernst – nach 1945, als Abstraktion und Informel vorherrschten, in unverdiente Vergessenheit gerieten.

Davon handelt die Ausstellung „Deutsche Künstler im Exil 1933-1945“ mit Werken aus der umfangreichen Literatur- und Kunst-Sammlung „Memoria“ von Thomas B. Schumann. Angeregt durch eine Begegnung als Schüler mit Thomas Manns Witwe Katia, der viele persönliche Kontakte mit Exil-Schriftstellern folgten (von Günther Anders und Elias Canetti über Irmgard Keun und Walter Mehring bis hin zu Albert Vigoleis Thelen und Armin T. Wegner etwa), befasst er sich seit vielen Jahren als Sammler, Autor und Verleger der „Edition Memoria“ intensiv mit der Exil-Thematik, wofür er 2017 mit dem Hermann-Kesten-Preis ausgezeichnet wurde. Darüber hinaus setzt sich Thomas B. Schumann auch nachdrücklich für ein „Museum des Exils“ ein.

Die in der Ausstellung präsentierten Künstlerinnen und Künstler, wie etwa Charlotte Berend-Corinth, Arthur Kaufmann, Lotte Laserstein, Rudolf Levy, Josef Scharl, Eugen Spiro oder Julie Wolfthorn, waren bis 1933 erfolgreich im deutschen Kunstbetrieb. Im Dritten Reich erhielten sie Berufsverbot, wurden als „entartet“ diffamiert. Die Nationalsozialisten entfernten und vernichteten ihre Werke. Die Künstler selbst wurden zur Emigration gezwungen oder gar – sofern sie sich zu spät dazu entschlossen hatten – in Konzentrationslager deportiert und ermordet.

Künstlerisches Facettenreichtum

Die Exilierten konnten zwar zumeist im Ausland ihre Kunst – wenn auch unter erschwerten Bedingungen – weiter ausüben, doch veränderte sie sich nicht selten. „Die bitteren Lehren der Geschichte ließ ihre künstlerische Formensprache ruhiger, 'sachlicher', genauer beobachtend werden“, wie die Kunsthistorikerin Brigitte Schad 2013 Werke der Sammlung „Memoria“ charakterisierte: „Dabei entstand eine facettenreiche, malerische Vielfalt, die nicht unter dem Begriff „Stil" subsumiert werden kann, sondern die ihren Reiz gerade aus der Spielbreite ihrer künstlerischen Aussageformen bezieht.“ Sujetmäßig konzentrierte man sich – aus Verkaufsgründen – auf Porträts, Stillleben oder Landschaften.

Die Lebensumstände im Exil waren für viele Künstler extrem schwierig: der Expressionist Ludwig Meidner etwa konnte sich zeitweilig nur als Leichenwäscher in London über Wasser halten; Albert Reuss malte nach Entlassung aus der Internierung im Dorf Mousehole/Cornwall bis an sein Lebensende – von Kritik und Publikum unbeachtet – „Bilder der Einsamkeit“, wie er sie nannte; Curt Singer beging mit Mitte 30 in Paris Selbstmord …

Doch geht es in der Ausstellung nicht nur um solch tragische Biografien, sondern vor allem um ästhetisch anregende, Geist und Sinne inspirierende Kunstwerke. Sie bietet die Möglichkeit, bedeutende künstlerische Schöpfungen und ihre Urheber, die allzu lange infolge widriger Zeitläufe im Verborgenen waren, endlich gebührend zur Kenntnis zu nehmen, und belegt anhand zahlreicher Beispiele, „dass auch weniger bekannte ´Künstler im Exil` Werke schufen, deren Qualität erstaunen lässt“ (Brigitte Schad).

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