SIDE EFFECTS - ein Praktikumsbericht zur aktuellen Ausstellung

Ein Ausstellungsaufbau der anderen Art

Pia Simon (25) ist von November 2017 bis Mai 2018 Praktikantin bei Bayer Kultur im Kunstreferat. Sie hat die Vorbereitungen für die kürzlich eröffnete Ausstellung „Side Effects“ miterlebt…

Einblicke in den Schaffensprozess zur neuen Ausstellung im Erholungshaus. (c)Bayer Kultur

In den letzten Tagen vor der Eröffnung der neuen Ausstellung „side effects“ wird in den Foyers und Treppenhäusern des Erholungshauses noch eifrig gewerkelt, getackert, geschnitten, gemalt, gehängt und verschraubt. Am Werk waren 18 Künstler und Künstlerinnen, die an der weißensee kunsthochschule berlin bei Prof. Friederike Feldmann Malerei studieren. Eigens zum Aufbau sind sie für eine Woche nach Leverkusen gekommen, um ihre Arbeiten in situ, also direkt vor Ort, entstehen zu lassen.

In diesem kreativen Prozess haben sie sich von ihrer Umgebung inspirieren lassen und zum Beispiel (teils skurrile) Fundobjekte aus Leverkusen verarbeitet, sich inhaltlich mit der Geschichte des Erholungshauses als Teil der Werkskolonie II auseinandergesetzt oder Interviews mit Leverkusener Bürgern während der ausgelassenen Karnevalsfeierlichkeiten geführt.    

Und auch mit den räumlichen Gegebenheiten musste sich auseinandergesetzt werden. Denn wer das Erholungshaus kennt, weiß, dass es sich bei den Foyers eben nicht um klassische Museumsbauten mit weitläufigen Räumen und großen, glatten Wänden handelt. Die vielen Türen und Fenster, Vorsprünge und Schilder und das fest installierte Mobiliar wie die Stehtische im Probenfoyer bilden eine echte Herausforderung, die die Studierenden jedoch kreativ zu meistern wussten. Sie entwickelten Konzepte, die sich entweder harmonisch an die Gegebenheiten anpassen oder beziehen diese in ihre Arbeiten mit ein.

Nicht wenige stießen in der Aufbauphase allerdings auf teils ungeahnte praktische und auch künstlerische Schwierigkeiten – während Elias Klein bei der Installation der drei Platten seines Paravents mehrmals umdisponieren musste, um der Metallskulptur von Lea Mugnaini ausreichend Raum zu geben, wollten die Heftklammern von Björn Streecks Papierinstallation einfach nicht im unregelmäßigen Putz der Wände halten und Katrine Hoffemeyer Tougard kämpfte täglich, ausgestattet mit einem Schutzanzug, bis zum letzten Tageslicht mit dem Auftragen eines Algenpulvers auf zehn Fenster, da sie in der Dunkelheit nicht weiterarbeiten konnte. Lorenz Pasch war über Stunden auf der Suche nach der optimalen Position und Einstellung für sein Soundobjekt und Nooshin Ravanshadi haderte lange mit der perfekten Komposition der Teile ihrer raumgreifenden Wandmalerei. Bei aller kreativen Freiheit mussten natürlich auch so schnöde Umstände wie Flucht- und Transportwege im Haus berücksichtigt werden, was besonders Abie Franklins wuchernde Rauminstallation aus alten Dämmmaterialien etwas in die Schranken wies.

Aber zum Glück ist schlussendlich trotz – oder vielleicht gerade wegen? – des zeitlichen Drucks doch jedes Kunstwerk fertiggestellt worden, was nicht zuletzt auch dem großen Einsatz des technischen Teams und dem Zusammenhalt unter den jungen KünstlerInnen zu verdanken ist. Und das Ergebnis kann sich eindeutig sehen lassen!

Die Arbeiten sind ebenso vielfältig wie die Geburtsländer der Studierenden: von China, Israel und dem Iran über Italien, Griechenland und Dänemark bis hin zu Kolumbien und Peru (und darüber hinaus) reicht die Palette. Diese Internationalität der Klasse ist eben auch ein „side effect“ – eine Nebenwirkung – der Liebe zur Kunst, wie mir Flavia Stagi erklärte, während sie im Treppenhaus letzte Korrekturen an ihrer atmosphärischen Wandmalerei vornahm. Als Tutorin des Projektes hatte sie den Titel der Ausstellung vorgeschlagen. Er ist eine Art Wortspiel, das sich auf ganz unterschiedliche Weisen deuten lässt. So kann man das kulturelle Angebot des Erholungshauses als Nebenwirkung von Bayer als Unternehmen verstehen, oder aber die Kunst im Allgemeinen als Nebenwirkung von gesellschaftlichen Entwicklungen.

Es war wahnsinnig spannend für mich, durch mein Praktikum bei Bayer Kultur einen Einblick in diesen Ausstellungsaufbau der anderen Art zu erhalten und mich mit den KünstlerInnen persönlich über ihre Arbeiten unterhalten zu können. Mir gefällt die Ausstellung vor allem deshalb so gut, weil durch die vielen verschiedenen Techniken und Materialien ein spannender Dialog zwischen den Werken entsteht. Verspielte, organische und bunte Formen treffen auf industrielle Strenge, lebendige Bakterien auf kaltes Metall, verzerrte, aber noch erkennbare Firmenlogos auf malerische Abstraktion. Der Besucher wird über sämtliche Sinne miteinbezogen, zum Beispiel wenn er Yanchuan Yangs abgedunkelte Traumwelt betritt, in David Mosers Rauminstallation zum Naschen verführt wird, den seltsamen Klängen eines Soundobjektes lauscht oder den modrigen Duft der Algen wahrnimmt. Und, ohne zu viel verraten zu wollen: wer ganz besonders aufmerksam ist, wird sich vielleicht von dem einen oder anderen Wegweiser irritieren lassen…

 

Hier werden komplette Treppenhauswände neu bemalt...(c)Bayer Kultur