Zirkus

Wenn Kinder und Intellektuelle gleichermaßen Lachen und Staunen

1768 gilt als das Geburtsjahr des Zirkus, doch seitdem hat sich viel verändert: Was mit einzelnen Pferdedressur-Nummern begann, versteht sich heute in seinen besten Momenten als poetisches Gesamtkunstwerk.

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Clowns im Sturm © Joachim Schmitz

Vierzig Jahre ist es her, da feierte in Bonn ein Zirkus mit einem Programm eine Premiere, wie es das staunende Publikum zuvor noch nie gesehen hatte. „Die größte Poesie des Universums“ lautete der nicht ganz unbescheidene Titel, statt der üblichen Nummern-Revue wurde den Zuschauern eine Erzählung aus einem Guss geboten. Es sollte nicht lange dauern, bis sich die Macher des Aufsehen erregenden Spektakels – André Heller der eine, Bernhard Paul der andere – gründlich zerstritten hatten, den Zirkus aber gibt es noch heute: Roncalli. Sein Besitzer, besagter Bernhard Paul, ist sicherlich eine gute Quelle, wenn man herausfinden möchte, was die Menschen so sehr am Geschehen in der Manege fasziniert. Seine Antwort lautet: Der Zirkus sei der einzige Ort in der Kultur, an dem das Kleinkind und der Intellektuelle in derselben Sekunde lachen oder staunen würden. Worüber sie lachen oder staunen, das hat sich seit den Anfangstagen des Zirkus zum Teil allerdings sehr verändert.

Von den Dragonern in das Zirkusrund

Geht man zur Geburtsstunde des modernen Zirkus zurück, so landet man im Jahr 1768. Damals gründete der Engländer Philip Astley in London eine Reitschule. Zuvor hatte er sich im Siebenjährigen Krieg in Nordamerika bei den britischen Dragonern einen Namen als brillanter Reiter gemacht, voller Freude erfand er Kunststücke und studierte sie mit seinem Pferd ein. In London gab er vormittags Unterricht und an den Nachmittagen Vorstellungen. Das Publikum gruppierte er um einen Kreis, so wie es schon im römischen Circus Maximus der Fall gewesen war. Der Name „Circus“ war deshalb naheliegend, doch stammte er nicht von Astley, sondern von Charles Dibdin, der damals nicht nur als Literat, Komponist, Tenor und Schauspieler von sich reden machte, sondern auch als Partner von Astleys hartnäckigstem Konkurrenten Charles Hughes: Gemeinsam gründeten die beiden Jahre später, aber ebenfalls in London, den Royal Circus.

Für die Entscheidung, Pferd und Reiter in einem Zirkel auftreten zu lassen, gab es gute Gründe: Die Zuschauer konnten mühelos alles beobachten und die Reiter bei ihren Kunststücken die Zentrifugalkräfte nutzen. Mit der Zeit bekam Astleys Zirkus Sitzplätze und ein Dach, der Durchmesser wurde von 19 auf knapp 13 Meter verringert, was heute noch als geeignetes Maß gilt. Doch nicht nur die Veranstaltungsstätte veränderte sich, sondern auch das Programm. Astley verpflichtete weitere Dressurreiter, ein komplettes Orchester, Artisten, Pantomimen und einen Clown. Diese Figur hatte sich aus den Zanni, den Dienerfiguren der Commedia dell'Arte entwickelt, die wiederum Bezug auf vergleichbare Figuren in der griechischen und römischen Komödie genommen hatte. In England erhielten Clowns ab dem Beginn des 16. Jahrhunderts die Aufgabe, in den Pausen von Theateraufführung das Publikum zu unterhalten; im 17. Jahrhundert traten sie in der englischen Harlequinade zudem als Gegenspieler des Harlekins auf. Dank Astley bekamen sie eine neue Heimat, die sie nie wieder verlassen sollten: die Manege.

Die Löwen sind los (und vieles mehr)

Nach Astleys Tod im Jahr 1814 setzte sich der Begriff Zirkus ausgehend von Frankreich immer mehr durch; er bezeichnete nunmehr nicht nur das Gebäude, sondern auch das Dargebotene. An erster Stelle ist dabei der Cirque Olympique in Paris zu nennen. Er übernahm von Astley die Pferdenummern ebenso wie die Pantomimen, in denen tagesaktuelle und historische Ereignisse dargestellt wurden, bereicherte sie doch um eigene, neue Ideen. So wurden in der Pantomime "Die Löwen von Mysore" 1831 zum ersten Mal dressierte Löwen in der Manege eingesetzt; der Erfolg war so immens, dass Tierdressuren mehr und mehr zu einem festen Programmteil der allgemeinen Zirkuskunst wurden.

Weitere Impulse gingen vom Deutschland des ausgehenden 19. Jahrhunderts aus. Circus Renz und Circus Busch hatten Häuser in den großen Städten des deutschen Sprachraums und beeindruckten ihr Publikum nicht nur mit den obligatorischen Pferdenummern und mit bis zu 14 Clowns an einem Abend, sondern auch mit Wasserspielen, Eiskunstlauf, Ballett und dem Auftritt von siamesischen Zwillingen.
Für die Pantomimen engagierte Busch sogar Schriftsteller, deren Stücke auch schon mal die Anschaffung von Segelbooten und Aufzügen erforderten. Von der großen Oper bis zur Verbildlichung des tagesaktuellen Geschehens war alles möglich.

Nach 1945: Neuanfang und Radikalerneuerung

Beendet wurde der Zirkusboom durch die Weltwirtschaftskrise und den 2. Weltkrieg. Nach 1945 nahmen die großen, traditionsreichen Familienunternehmen den Betrieb wieder auf; 1956 erfolgte beispielsweise die Neugründung des Zirkus Sarrasani, der bei der Bombardierung Dresdens Stammhaus, Materiallager und seinen gesamten Tierbestand verloren hatte. Auch machten ganz neue Namen die Runde, doch blieb deren künstlerisches Niveau in vielen Fällen überschaubar.

Immer deutlicher zeichnete sich ab, dass der Zirkus dringend frischen Wind benötigte. Die immer gleichen Nummern lockten wenig Besucher an, und viele Menschen machten auch deshalb einen großen Bogen um das Zirkusrund, weil ihnen die Haltung und Dressur eigentlich wilder Tiere barbarisch vorkam. Als Reaktion darauf legten innovative Zirkusmacher den Schwerpunkt auf Akrobatik und Ästhetik, auf Licht- und Kostümdesign, auf eigens komponierte Musik und exklusiv entwickelte Geschichten, die der Vorstellung den Rahmen gaben und bei denen Tiere – wenn überhaupt – nur noch eine Nebenrolle spielten. Weil diese Entwicklung in Frankreich ihren Ursprung hatte, war rasch vom Cirque Nouveau die Rede; der berühmte Cirque du Soleil wurde erst 1984 in Kanada gegründet. Bereits acht Jahre früher war ein studierter Ingenieur und Grafikdesigner aus Österreich zur Stelle, der schon als Kind davon geträumt hatte, Clown zu werden und in der Manege aufzutreten: Bernhard Paul. Zwar schloss der Circus Roncalli nach Pauls Auseinandersetzung mit Partner André Heller rasch wieder seine Tore, aber seine Wirkung auf die Zirkuskunst war immens – und er kam 1980 wieder, ohne Heller, aber mit einem spektakulären neuem Programm: Die Reise zum Regenbogen. Paul ging seiner Vorliebe für die Commedia dell'Arte nach, setzte auf Poesie, Clownerie und Akrobatik, ließ Seifenblasen zum Zirkusdach steigen und entwickelte unter Berufung auf den klassischen Zirkus eine ganz eigene Handschrift. Nicht wenige Kenner sagen, es sei der Mann aus Lilienfeld, Niederösterreich, gewesen, der die Zirkuskunst nach Jahren des Stillstands am nachhaltigsten revolutioniert habe.

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