Film
Spielzeit 09/10

Kunst und Macht im Kommunalen Kino

Das Kommunale Kino der Volkshochschule Leverkusen präsentiert in Kooperation mit Bayer Kultur eine Reihe zum Thema Kunst und Macht. Auch der Film ist in mannigfaltiger Hinsicht den politischen Machtverhältnissen unterworfen. Filmemacher wählen in allen Systemen individuelle Wege zwischen avantgardistischer Opposition und Anpassung an autoritär geführte Gesellschaften. Oft dienen Filme der Propaganda der Mächtigen, oft leistet das Kino Widerstand, indem es Strategien entwickelt, um die Zensur zu umgehen. In vier Themenbereichen reflektiert das Kommunale Kino in dieser Saison Aspekte von Kunst und Macht im Film.
Die Termine geben wir rechtzeitig bekannt. In Kooperation mit dem Kommunalen Kino finden alle Veranstaltungen im Filmstudio im Forum statt.

Winter adé – Filmische Vorboten der Wende

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Wir zeigen fünf Filme in Zusammenarbeit mit der Stiftung Deutsche Kinemathek, die die Wende eingeläutet haben: 1988 ließ Helke Misselwitz in Winter Adé Frauen von ihren Hoffnungen, Sehnsüchten und Enttäuschungen so offenherzig erzählen, wie es in der DDR zuvor nicht möglich gewesen war – ein filmischer Vorbote der Wende. In Tschutschelo / Die Vogelscheuche (UdSSR, 1983/1986) zeigt Rolan Bykow kollektive Gewaltmechanismen in der Idylle einer Kleinstadt. Lena zieht zu ihrem Großvater und wird bald systematisch gemobbt. Igla / Die Nadel (Raschid Nugmanow, 1988) gilt als Schlüsselwerk der kasachischen Neuen Welle. Im erfolgreichsten sowjetischen Perestroika-Film nimmt der junge Moro am Ufer des Aralsees den Kampf gegen die lokale Drogenmafia auf. Krótki film o zabijaniu / Ein kurzer Film über das Töten (1988) ist der fünfte Teil von zehn Filmen, in denen sich Krzysztof Kieślowski mit den zehn Geboten auseinandersetzt. Eine drastisch humanistische Auseinandersetzung über die Sinnlosigkeit des Tötens. Jadup und Boel von Rainer Simon war 1981/1988 der letzte Spielfilm der DEFA-Geschichte, der nach seiner Fertigstellung verboten wurde. Er zeigt eine in Ritualen erstarrte Gesellschaft, die mit ihrer Geschichte nicht umzugehen vermag.
Winter adé
DDR, 1988 | Regie: Helke Misselwitz
Tschutschuelo / Die Vogelscheuche
UdSSR, 1983/86 | Regie: Rolan Bykow
Igla / Die Nadel
UdSSR, 1988 | Regie: Raschid Nugmanow
Krótki film o zabijaniu / Ein kurzer Film über das Töten 
Polen, 1988 | Regie: Krzysztof Kieślowski
Jadup und Boel 
DDR, 1981/1988 | Regie: Rainer Simon

Amerikanische und afrikanische Zeugnisse

Die Strategie der Schnecke von Sergio Cabrera (Kolumbien,1993) ist ein Film über zivilen Ungehorsam: Ein Mietshaus soll geräumt werden, doch die Bewohner – vom Priester bis zum Transvestiten – halten zusammen. Als nichts mehr hilft, gibt es nur noch eine Rettung: Die Strategie der Schnecke! Marco Bechis Film Junta (Argentinien, 1999) setzt sich mit den verschwundenen Opfern und der Macht der Generäle in der argentinischen Militärdiktatur auseinander. Ein weiteres Zeugnis aus Argentinien sind die Filme von Fernando E. Solanas: Sur und Tangos – el exilio de Gardel. Zulu Love Letter aus Südafrika handelt von der Journalistin Thandeka Khumalo, die tiefe Schuldgefühle quälen: Während der Apartheid schwanger, inhaftiert und gefoltert, brachte sie ihr Kind taub zur Welt. Die traumatisierte Tochter wiederum hofft durch die Herstellung eines Zulu Love Letters, eines Amuletts, Zugang zu ihrer Mutter zu finden. Lumumba (Raoul Peck) stellt die Geschichte des legendären kongolesischen Politikers vor, der verzweifelt einen Ausweg aus dem Kolonialismus suchte.
Die Strategie der Schnecke 
Kolumbien, 1993 | Regie: Sergio Cabrera
Junta 
Argentinien/Italien, 1999 | Regie: Mario Bechis
Sur 
Argentinien, 1998 | Regie: Fernando Ezequiel Solanas
Tangos – el exilio de Gardel 
Argentinien, 1985 | Regie: Fernando Ezequiel Solanas
Zulu Love Letter
Deutschland/Frankreich/Südafrika, 2004 | Regie: Ramadan Suleman
Lumumba 
Kongo, 2000 | Regie: Raoul Peck

Die deutsche Auseinandersetzung

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Alfred Weidenmann zeigte 1964 in Verdammt zur Sünde Hildegard Knef in ihrer ersten Rolle. An ihrer Seite: Tilla Durieux, der Bayer Kultur mit Liebe Tilla Durieux ein eigenes Projekt widmet. Der Verlorene, einzige Regiearbeit des Schauspielers Peter Lorre, spielt 1943 in Hamburg: Der renommierte Serumsforscher Dr. Rothe begeht eine Verzweiflungstat. Da er für die Nazis aber kriegswichtige Arbeiten betreibt, wird die Tat vertuscht. Wir Kellerkinder (Jochen Wiedermann, Wolfgang Neuss, 1960) ist ein Film über deutsch-deutsche Vergangenheitsbewältigung und die Opportunisten und Wendehälse jener Zeit. In jenen Tagen (Helmut Käutner) ist die Geschichte eines Autos, das die NS-Diktatur miterleben musste.
Verdammt zur Sünde
Deutschland, 1964 | Regie: Alfred Weidenmann
Der Verlorenen
Deutschland, 1951 | Regie: Peter Lorre
Wir Kellerkinder
Deutschland, 1960 | Regie: Jochen Wiedermann
In jenen Tagen
Deutschland, 1947 | Regie: Helmut Käutner

Künstler und die Kraft ihres Werks

Der Pianist von Roman Polanski verarbeitet die wahre Geschichte eines Holocaust- Überlebenden. Polanski entging als Kind selbst nur knapp dem Konzentrationslager, seine Mutter starb in Auschwitz. Istvan Szabo verfilmte mit Mephisto nach Motiven des Romans von Klaus Mann die Biographie des Hamburger Schauspielers Hendrik Höfgen, der sich trotz Distanz zur Ideologie der Nazis mit der Diktatur arrangiert. In Die Abenteuer des Prinzen Achmed verfilmte die Düsseldorfer Künstlerin Lotte Reiniger 1926 mit ihrem Silhouettenfilm das gleichnamige Märchen. Ein am Schneidetisch sehr aufwändig gestalteter Trickfilm der Künstlerin, die, wie soviele andere auch, emigrierte. Eine neuere Produktion aus Deutschland, El Sistema, ein Film von Paul Smaczny und Maria Stodtmeier, betrachtet die Arbeit des Musikers José Antonio Abreu in Venezuela. El Sistema ist ein Netzwerk von Kinder- und Jugendorchestern, in dem heute über 300.000 Kinder und Jugendliche ein Instrument erlernen, und zeigt eindrücklich, wie die Kraft der Musik das Land auch inspiriert. Im Kuss der Spinnenfrau von Hector Babenco geht es um die Geschichte des politischen Gefangenen Valentin Arregui und des homosexuellen, des Kindesmissbrauchs beschuldigten Luis Molina: Sie teilen sich in den 1970er Jahren eine Zelle in einem Gefängnis in Argentinien.
Der Pianist
Frankreich/Großbritannien/Deutschland/Polen, 2002 | Regie: Roman Polanski
Mephisto
Deutschland/Österreich/Ungarn, 1981 | Regie: Istvan Szabo
Die Abenteuer des Prinzen Achmed
Deutschland, 1926 | Regie: Lotte Reininger
El Sistema
Deutschland, 2008 | Regie: Paul Smaczny, Maria Sodtmeier
Kuss der Spinnenfrau
USA/Brasilien | Regie: Hector Babenco
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