SCHAUSPIEL
Spielzeit 11/12

Referat Schauspiel

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Reiner Ernst Ohle | Referat SCHAUSPIEL
So wie Religion und Wissenschaft Säulen der europäischen Kultur sind, sind Glauben und Wissen Fundamente menschlicher Identität. Was wir glauben und wissen bestimmt und formt unsere Existenz – der Glauben, in dem wir aufwachsen, und das Wissen, das wir erwerben, stellt die Voraussetzung für unser Denken und Handeln dar. Da Glauben und Wissen permanent Hoffnungen und Erwartungen freisetzen oder ausbremsen können, sind sie ein roter Faden für das Handeln – individuell und gesellschaftlich. „Ich brauche das Wunder. Allein die Rationalität unserer schnellen Zeit, das geht nicht. Nur mit Zynismus zerbricht alles. Religiosität ist ein Anker.“ sagte beispielsweise der Theatermacher Frank Castorf in einem Interview.

Im SCHAUSPIEL-Spielplan wird das komplexe Geflecht von Glauben und Wissen aus den verschiedensten Blickwinkeln und in unterschiedlichen gesellschaftlichen Zusammenhangen reflektiert. Im SCHAUSPIEL klassisch kann in einer Inszenierung der Münchner Kammerspiele die hochgerühmte Hiob-Dramatisierung von Joseph Roth entdeckt werden, die den legendären Dulder in einer Familiengeschichte dieses Jahrhunderts härtesten Prüfungen unterzieht. In der Dramatisierung der Kleist-Novelle Erdbeben in Chili interpretiert – aufgrund der Katastrophe in Japan (leider) hochaktuell – ein Prediger ein Erdbeben als eine Antwort Gottes auf verfallende Sitten und entfacht einen Volkssturm, dem zwei Liebende zum Opfer fallen. Glaube, Hoffnung, Liebe – ein Satz aus dem Neuen Testament, entnommen dem ersten Brief des Paulus an die Korinther, liefert den bitter-ironischen Resonanzboden für das Drama Glaube Liebe Hoffnung des ungarisch-deutschen Theaterautors Ödon von Horváth, das in Bremen einen großen Erfolg errang. Der Hochstapler fasziniert durch die Fähigkeit, im Glauben und Wissen seiner Opfer wie die Made im Speck zu leben – was in Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Mann vorgeführt wird.

Im Schauspiel Der Seefahrer unterhalt Conor McPherson, ein Meister irischer Geistergeschichten, sein Publikum mit viel Humor und schafft zugleich einen Diskurs über die menschliche Schuld und die eigenen Dämonen. Der Theaterzauberer Roberto Ciulli hat aus Woody Allens Komödie Gott aus dem Jahr 1977 mit seinem Ensemble einen wahnwitzigen Bilderbogen rund um Kulturbetrieb und oberflächliches Glamourleben auf der Suche nach Sinn und Wahrheit gemacht. In Halpern und Johnson von Lionel Goldstein gleichen zwei Männer – Hans Teuscher und Friedrich-Wilhelm Junge – die Bilder ab, die sie von derselben Frau im Laufe ihres Lebens gespeichert haben – und zeigen, dass unsere Erinnerung eine sehr subjektive Sammelstelle für unseren Glauben an und das Wissen um einen Menschen ist. In Die Wahrheit treffen drei ebenbürtige Meister des Bluffs und der Täuschung aufeinander.

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Im SCHAUSPIEL heute ist Verrücktes Blut ein Beitrag zur gegenwärtigen „Islamdebatte“, der sorgsam gepflegte Debattenklischees munter durcheinanderschüttelt: Eine Lehrerin versucht, ihren disziplinlosen Schülern mit Migrationshintergrund Friedrich Schiller und seine idealistischen Vorstellungen vom Theater nahe zu bringen – mit einer Waffe in der Hand. Im Fundament von Jan Neumann steht der Glaube im Mittelpunkt – erforscht werden fundamentale Überzeugungen, eingeschlossen die Leere, die entsteht, wenn alle Sinnfragen unbeantwortet bleiben. Mit The Dream of getting a Job erzählt das Ensemble des Hope Theatre Nairobi unter der Leitung von Stephan Bruckmeier im Rahmen einer Europäischen Erstaufführung die Geschichte des jungen Jobsuchenden Myk und seiner Ehefrau Mellisa im Großstadtdschungel Nairobis. Die Schauspielerin Verena Buss dringt mit unverwechselbarer Stimme in verschiedene Kreise von Dantes Göttlicher Komödie ein, und Friedrich-Wilhelm Junge begreift in Der Traum eines lächerlichen Menschen in einem phantastischen Traum, dass das Paradies verloren ist. Gerd Wameling, Imogen Kogge und Werner Rehm, ehemalige Mitglieder der legendären Berliner Schaubühne, haben gemeinsam mit dem Politologen Ekkehart Krippendorff eine Reise durch Goethes Gedichtsammlung West-Östlicher Divan unternommen. Liebe in dunklen Zeiten behandelt die anrührende Geschichte einer Liebesbeziehung zwischen einer Tanzstudentin der Essener Folkwang Hochschule und einem jungen SS-Offizier im zerbombten Köln.

Die Literatur-Kulisse widmet sich ganz dem Fußball, der weltweit ersten Ersatzreligion – es kommen Philipp Köster, der Chefredakteur des Fußballmagazins 11 Freunde, das mit intelligentem und investigativem Sportjournalismus informiert und unterhält, Manni Breuckmann, Sportreporter des Westdeutschen Rundfunks mit Kultstatus, und der Kabarettist Ben Redelings zu Wort; weiterhin der Politologe Jonas Gabler, der sich der deutschen Ultra-Szene widmet, und last but not least Reiner Calmund, eine Galionsfigur des deutschen Fußballs.

In Aus der Traum! von Holger Schober reflektiert das Leipziger Theater der Jungen Welt in der Inszenierung von Jürgen Zielinski in einer weiteren Uraufführung, die in Kooperation mit Bayer Kultur entsteht, den Verlust von Illusionen rund um ein Fußball-Benefizspiel. Das bürgerliche Trauerspiel Maria Magdalena, von Friedrich Hebbel 1844 verfasst, spiegelt eine Zeit starken ökonomischen und gesellschaftlichen Wandels. Alexander Brill entdeckt in dem alten Stoff die Beschreibung einer Migrantenfamilie. Fahrenheit 451 ist eine Chiffre für Kulturkritik und zivilisatorische Alpträume, aber auch für den Terror von totalem Entertainment und Dauerbespaßung. Die Musiker der Bananafishbones haben im renommierten Münchener Theater der Jugend in der Regie von Gil Mehmert ihre Musik passgenau für jede Szene geschrieben.
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Reiner Ernst Ohle
Telefon 0214.30-41273
 
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