SCHAUSPIEL
Spielzeit 2009/10

Referat Schauspiel

Kunst und Kultur werden häufig als etwas verstanden, das in einer höheren Sphäre angesiedelt ist – als ob das Geistige von den Niederungen des Alltags unberührt bleiben und der Wirklichkeit enthoben werden könnte. Doch die Schönen Künste sind nicht nur ein Refugium ewigen Friedens oder unbeschwerter Zerstreuung. Sie sind auf vielfache Weise mit dem gesellschaftlichen Leben ihrer Zeit verknüpft – spiegeln und beeinflussen die herrschenden Macht- und Ideen-konstellationen mit.
Reiner Ernst Ohle
Reiner Ernst Ohle
Referat Schauspiel
Das Thema Kunst und Macht hat in allen Schauspielringen seinen Niederschlag gefunden. Die Vorstellungen und Projekte spüren verschiedenen Formen des ewigen Wechselspiels von Kunst und Macht nach, fragen nach der jeweiligen Funktion von Macht und Kunst, nach Begründungen und Befriedungen, nach Grenzen, Chancen und Möglichkeiten ihres Miteinanders. In SCHAUSPIEL klassisch deklinieren die Shakespeare-Stücke Der Kaufmann von Venedig und Richard III. das Leitthema in Wirtschaft und Politik. LessingsNathan, in einer BE-Inszenierung von Claus Peymann, beleuchtet das Toleranzgebot vor dem Hintergrund der Holocaust-Erfahrung. SCHAUSPIEL modern zeigt mit Frost/Nixon die Bedeutung der Medien für die Machtspiele der Gegenwart. Biljana Srbljanovič erzählt einmal mehr eine Geschichte aus einem von Krieg und Nachkrieg traumatisierten Land in der Mitte Europas (Barbelo, von Hunden und Kindern). In Das Leben der Anderen, der Bühnenfassung des oscargekrönten Films von Florian Henckel von Donnersmarck, wird der Spitzel zum Verräter. Rummelplatz ist die Dramatisierung eines in der DDR verbotenen Romans, der mit dem Uranabbau ein Kapitel verschwiegener Industriegeschichte thematisiert. Kampfgesellschaft behandelt den Nahkampf leitender Angestellter um den Chefsessel eines mittelständischen Unternehmens. 
SCHAUSPIEL heute und Der Besondere Abend legen einen Schwerpunkt auf das 20. Jahrhundert – ein Jahrhundert, das von Krieg und Nachkrieg, Flucht und Vertreibung, Exil und Migration gekennzeichnet war. Zwei Projekte beleuchten die unterschiedlichen Situationen von Künstlern im Zeitalter des Nationalsozialismus. Mit Liebe Tilla Durieux – ein Stück des kroatischen Autors Slobodan Šnajder – setzen wir die Zusammenarbeit mit der Ernst Busch Hochschule Berlin und dem BAT im Rahmen unseres stART-Projektes fort. Der Regisseur und Schauspieler Stefan Bruckmeier behandelt, angelehnt an die Biografie Fritz Langs, ein Thema, das über die Zeit seiner Entstehung hinaus von grundsätzlichem Interesse ist: die Zwiespältigkeit und Zerrissenheit des erfolgreichen Künstlers angesichts eines übermächtigen Staates. Das Schauspiel Essen hat mit Flüchtlinge im Ruhestand einen bewegenden Abend erarbeitet, der schmerzlich deutlich macht, wie Flucht ein Leben aus den Fugen heben kann. Der Schauspieler Christian Kaiser taucht in das Werk des russischen Dadaisten Daniil Charms ein, der sich durch Stalinismus und Hunger im Russland der dreißiger Jahre nicht davon abhalten ließ, weiterzumachen und zu dichten. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 gehörte Kurt Tucholsky zu den ersten Künstlern, die von den neuen Machthabern ausgebürgert wurden.
Das Jugend-Abonnement -16+x legt ein Hauptaugenmerk auf Gewalt in unterschiedlichen Facetten. Das Schweriner Staatstheater zeigt inJugend ohne Gott das Bild einer Generation, die in ihrer seelenlosen Verfassung und mit unheimlicher Kälte ohne Scham- und Schuldgefühl mordet.Der Kick thematisiert Gewalt unter Jugendlichen im Dunstkreis rechtsradikaler Gesinnung. In der Bunten Reihe erinnernDie Abenteuer des braven Soldaten Schwejk an das Überlebenspotential von Witz und Humor im Zeitalter der Barbarei.
Wenn – wie im Schauspielangebot dieser Spielzeit – auf der Bühne Macht in ihren vielfältigen Erscheinungsformen und ihren Wirkungen auf das gesellschaftliche Miteinander reflektiert wird, kann das Theater für den Zuschauer zum Medium von Selbstreflexion, Selbstbestimmung und Emanzipation, zu einem Kristallisationspunkt gesellschaftlicher Diskurse und Positionsbestimmungen werden. Theater ist nicht isolierbar – es lebt von Widerspruch und Wandlungen, die es im Lauf der Zeit tiefgreifend verändern. Es bringt immer wieder die Kraft auf, sich neu zu erfinden und ist nicht zuletzt durch diese Fähigkeit ein Schmelztiegel von Ideen und Anschauungen aus unterschiedlichen Räumen und Zeiten. Der globale Austausch hat dazu geführt, dass es in keinem Kulturraum mehr nur eine Identität gibt. Kulturelle Unterschiede beginnen vor unserer Haustür. In unserer unmittelbaren Nachbarschaft leben Menschen, die Krieg und Nachkrieg, Flucht und Vertreibung, Exil und Migration am eigenen Leib und nicht im sicheren Dunkel des Zuschauerraums erfahren haben.
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