KONZERTE
Spielzeit 2014/15

Referat Musik

Niemand würde wohl bestreiten, dass es in der Musik „magische Momente“ gibt. Für Komponisten ebenso wie für die Musizierenden, sie existieren für uns als Programmverantwortliche von Bayer Kultur und nicht zuletzt auch für Sie, unser Publikum. Manchmal kann ein ganzer Abend ein solcher „Moment“ sein, manchmal eins der gespielten Werke, manchmal vielleicht wirklich nur ein Augenblick, einige Takte lang oder noch kürzer. Aber was macht solche Momente aus? Woraus fügen sie sich? Wie empfinden wir sie? Da sind etwa altmodische Worte – beispielsweise „erhaben“, ein Begriff, über den die Epoche der Romantik, gerade auch mit Blick auf die Musik, trefflich gestritten hat, den sie als Bedingung jeglicher Kunst verstand. Man könnte aber auch Schlagworte gebrauchen, „genial“ vielleicht, oder sogar „cool“. Und ein Begriff hat sogar alle Zeiten überdauert: Empfinden wir in besagten magischen Momenten womöglich so etwas wie – Wahrheit?
Carolin Sturm | Referat MUSIK
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Carolin Sturm | Referat MUSIK
Alle Musik strebt nach dem Besseren, dem Eigentlichen, dem – Wahren. Wie sonst wäre das faszinierende, komplizierte Bauwerk unserer Musik vorstellbar, denkbar, möglich, wenn nicht mit dieser großartigen, in gewissem Sinn durchaus auch „überheblichen“ Zielvorstellung? Enthält vielleicht gerade die so genannte Absolute Musik, die im Gegensatz zur Programmmusik nichts von der äußerlichen Wirklichkeit in Klang und Struktur abbildet, die eigentliche Wahrheit? Ist Musik „wahr“, weil sie eben jene magischen Momente herbeizaubern kann, weil sie unmittelbar Emotionen hervorruft, mit denen man noch Augenblicke vorher gar nicht gerechnet hatte? Ganz tiefe, manchmal auch widersprüchliche Emotionen wie das „Lächeln unter Tränen“, von dem man bei Mozart gesprochen hat, oder Momente, in denen man beim Hören von Musik trotz Hochstimmung traurig ist – dies alles sind Aspekte von Wahrheit. Wir haben versucht, diese so zahlreich wie möglich in unseren Musikspielplan einzubringen.

Vieles von der Suche nach Wahrheit durch die Musik war früher religiös geprägt wie bei Anton Bruckner, der im Grunde sein Gesamtwerk „dem lieben Gott“ widmen wollte, oder in der Bach-Zeit, in der man unter „geistlich“ und „weltlich“ gar keine Gegensätze verstand. Andernorts war die Suche nach nationaler Identität, wie bei Antonín Dvorák oder Bedrich Smetana, eine mächtige Triebfeder, um in diesem Sinne „Wahrheiten“ in Musik zu fassen und ihren Landsleuten verständlich zu machen. Und auch musikalische Variationen eines Motivs – wie Frédéric Chopin sie aus einem Mozart-Thema ableitete – sind ein Spiel mit der Wahrheit, das überaus reizvoll pendelt zwischen Ent- und Verhüllung.

Das Streben nach Wahrheit kann aber auch in autoritäre Bevormundung umschlagen, wenn eine Wahrheit für bestimmte, insbesondere politische Zwecke vereinnahmt werden soll. Dies versuchten autoritäre Regime wie das sowjetische, das den Komponisten Dmitri Schostakowitsch in die innere Emigration zwang und immer wieder mit Repressalien zur Verzweiflung brachte. Die meisten Komponisten ließen sich aber auch durch widrige äußere Umstände von ihrer Suche nach der Wahrheit nicht abbringen. Johann Sebastian Bach rang seiner übergroßen Arbeitslast als Leipziger Thomaskantor ewig gültige Werke ab, und Schostakowitsch führte das Regime, das ihm die Ehre abgeschnitten hatte, mit Musik hinters Licht, die die ihr abgeforderte äußere Pracht ins Groteske wendete und damit ihre menschenfeindliche Kälte bloßlegte – verständlich zumindest für diejenigen, die es verstehen konnten und wollten.

Wie auch immer – erst in der konkreten Wiedergabe kann die Wahrheit in der Musik eine für uns alle wahrnehmbare Gestalt annehmen. Und so ist die Suche nach ihr nicht zuletzt eine Aufgabe für die Interpreten. Auch diese wissen intensiv und ausdauernd um sie zu streiten, wie wir nicht nur aus den jahrzehntelangen Diskussionen um eine historisch informierte Aufführungspraxis wissen, aus denen auch ein Ensemble wie unser orchestra in residence l’arte del mondo hervorgegangen ist. Man sucht nach der Wahrheit in so praktischen Gesichtspunkten wie Besetzungsgrößen von Chören und Orchestern, aber auch in musikalischen Details, die der Hörer im Einzelnen kaum noch wird erkennen können. Auch wir Programmmacher versuchen der Wahrheit näherzukommen, wenn wir beispielsweise Schostakowitsch mit Sibelius kombinieren, dessen Streben nach seiner eigenen musikalischen Wahrheit erst viel später als höchst fortschrittlich erkannt worden ist. Oder wenn wir ein ganzes Konzert Ernst von Dohnányi widmen, dessen wechselhafte Biografie eine Brücke vom 19. ins 20. Jahrhundert bildet, mit all den für diese Zeit typischen Bruchstellen.

Denn auch was den Begriff Wahrheit angeht, müssen wir uns eingestehen, dass die Welt nun einmal kompliziert ist und es die eine Wahrheit nirgendwo gibt, auch in der Musik nicht. Im Grunde ist jeder kreative Vorgang, also auch jede Komposition, jedes Konzert eine Suche nach ihr. Letzten Endes bringt jedes Konzert mehr als nur eine Wirklichkeit hervor. Darauf verweist unser Spielzeitmotto Wahrheiten – diese entstehen nicht zuletzt in Ihnen selbst, verehrtes Publikum. In diesem Sinne wünschen wir Ihnen in der bevorstehenden Konzertsaison von Bayer Kultur viele magische und „wahre“ Momente – auch im Sinne des Komponisten Carl Maria von Weber, der meinte: „Die Musik ist die wahre Menschensprache.“
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