KUNST
Spielzeit 2011/12

Referat Kunst

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Rike Zoebelein | Referat KUNST
„Verflucht sei, der einen Götzen oder gegossen Bild macht, einen Gräuel dem Herren, ein Werk der Werkmeisterhände“ (5. Buch Moses, 27.15). Diese Bibelstelle löste in frühchristlicher Zeit einen heftigen Streit aus, wie Gotteshäuser auszustatten seien und ob die Verwendung von Bildern im religiösen Bereich zulässig sei. Es ist eine Streitfrage, die von enormer Bedeutung für die gesamte Geschichte Europas werden sollte. Papst Gregor der Große legitimierte Ende des sechsten Jahrhunderts zumindest die Malerei mit folgender Aussage: „Was die Schrift für die bedeutet, die lesen können, das leistet das Bild für die, die es nicht können.“ Damit adelte eine anerkannte Autorität die Malerei, wies sie aber auch deutlich in ihre Schranken: Kunst sollte Gottes Lehre veranschaulichen; Kunst sollte erklären und bilden – also Wissen vermitteln und damit den Glauben festigen. Kunst war Mittel zum religiösen Zweck.

Heutige Kunst ist autonom und das ist gut so. Doch auch in der globalisierten Kunstwelt ist das Interesse an Glaubensdingen neu erwacht: man spricht sogar von dem „neuen Hang zum Heiligen“ (art-Magazin 2/2011). Die Anschläge vom 11. September 2001 und der zunehmende religiöse Fanatismus haben uns alle massiv erschüttert und dazu angehalten, uns mit unserer Religiosität und dem Thema Glauben auseinanderzusetzen, der zumindest in der westlichen Welt im Privaten „versteckt“ zu sein scheint. So stellt sich gerade auch für Künstler – als Seismographen des Zeitgeschehens – die Frage, wie Kunst und Religion zueinander stehen und welchen Einfluss Religiosität und Spiritualität auf die Kunst nehmen. Dabei geht es zeitgenössischen Künstlern sicher nicht darum, uns religiöse Inhalte auf „moderne“ Weise anschaulich zu machen. Heutige Künstler untersuchen vielmehr die alltäglichen Auswirkungen von Religion, sie experimentieren mit Kult und Glaube und transformieren – manchmal im „wilden“ Crossover oder auch Tabus verletzend – religiöse Symbole und Mythen in die Gegenwart.

Es gibt auch Künstler, die mit anthropologischer Neugier und wissenschaftlicher Seriosität das Thema Glauben untersuchen. Hierzu zählt die Fotografin Giorgia Fiorio, die mit der Ausstellung Ritus. Die Gabe ab November im Bayer Kulturhaus zu sehen ist. Sie hat Menschen unterschiedlichster Kulturen besucht, ihre religiösen Riten festgehalten und sich mit ihnen auf die Suche nach dem Sinn des Lebens begeben – nach Reinigung, Klärung, Wahrheit oder Erlösung. Welche Kraft wirkt so stark und magisch, dass Scharen von Pilgern unter Qualen durch weite Wüsten wandern oder barfuß über heiße Steine steigen? Können Trance und Schmerz zu einer höheren Form physischer Realität führen? Gibt es irgendetwas, was Glaube nicht bewirken kann? Bei der Betrachtung der Fotografien wird der Satz „Glaube versetzt Berge“ zu einer Tatsache und stellt uns – als Mitglieder einer Wissensgesellschaft, die Wissen als Synonym für Sicherheit, Stabilität und Ordnung sieht – vor Fragen wie: Bietet Glaube uns nicht viel mehr als Wissen? Brauchen wir den Glauben nicht als Schutzraum? Ist der Glaube nicht der letzte Herausforderer, der Hinterfrager und Beweger, der letztlich auch das Wissen hervorlockt?

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Dem gegenüber steht eine Bewegung in der zeitgenössischen Kunst, die das Atelier zum Labor erklärt hat und die Glauben lediglich als irrationalen Gegenpol zu dem an Fakten überprüfbaren Wissen betrachtet. Ihre Anhänger beschäftigen sich mit systematisiertem, theoretisch begründetem Wissen, also dem durch Empirie, Erforschung und Experimente gewonnenen Wissen und setzen dies künstlerisch um. Dabei geht dies nie ausschließlich in eine rationale, sondern durchaus auch subjektive und emotionale Richtung, die ironische Brüche haben kann. Dass die Erforschung von Materialien und Situationen auch vom Zufall geprägt ist, ist für die Künstler ein ebenso reizvoller Aspekt wie die Bandbreite an biologischen, physikalischen und gesellschaftlichen Fragestellungen, die damit verbunden sind. Die Beitrage der „ars viva“-Preisträger 2010/11, Klara Hobza, Markus Zimmermann und Andreas Zybach, deren Arbeiten wir unter dem Titel Versuchsanordnung Kunst im Frühjahr 2012 vorstellen werden, sind ein lebendiges Porträt dieses speziellen Kunstphänomens.

Auch die zweite Leverkusener Labor Berlin-Schau berührt das Thema Glauben und Wissen. Zu Gast sind der türkische Filmemacher Züli Aladağ und der Amerikaner Reynold Reynolds. Aladağ widmet seinen Film Die Anderen der größten „fremden“ Glaubensgemeinschaft in unserem Land, den Muslimen, und hinterfragt das Konzept der Andersartigkeit. Reynolds spürt dem Phänomen „Verschollen“ und „Nicht-Wissen“ nach, indem er Porträts von Menschen präsentiert, deren Verschwinden bis heute nicht geklärt ist.

Glauben und Wissen – weiter kann man ein Begriffspaar wohl kaum fassen! Letztendlich kann der Glaube nicht ohne das Wissen sein und das Wissen nicht ohne den Glauben. Wir freuen uns, dass neben den auf das Spielzeitmotto zugeschnittenen Ausstellungen auch wieder junge Talente im Rahmen des stART-Programms bei uns ausstellen werden; ausgewählt ist die Klasse Feldmann von der Kunsthochschule Kassel. Sie, liebe Kunstfreunde, sind eingeladen, herauszufinden, inwieweit auch deren Schaffen und Denken um das Thema Glauben und Wissen kreist, denn letztlich kann sich dem niemand entziehen.
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