Im Gespräch mit Emanuel Gat
„Kunst handelt immer von Tod“
Emanuel Gat wurde 1969 im israelischen Netanya geboren. Eigentlich wollte er Dirigent werden, entdeckt aber mit 23 Jahren auf einem Workshop seine Begabung für den Tanz. In der Compagnie von Liat Dror und Nir Ben Gal begann Gat zunächst als Tänzer und stellte bald darauf seine erste Choreographie vor. 2004 gründete Gat seine eigene Compagnie, mit der er vor einem Jahr nach Südfrankreich zog. Am 21. Oktober ist „Emanuel Gat Dance“ mit „K 626“ im Erholungshaus zu sehen. Die Bayer Kulturabteilung sprach im Vorfeld mit dem Choreographen.
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Ich habe in den letzten Jahren viele Ikonen der klassischen Musik bearbeitet, habe etwa Schuberts „Winterreise“ oder Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ choreographiert. Es geht mir dabei nicht nur um die Textur der Musik, sondern auch um das ideelle Konzept, das über die Musik hinausgeht. Das, was hinter der Musik ist, inspiriert mich, unabhängig davon, ob es sich um Mozarts Requiem oder Jazzmusik handelt.
Mozart starb, bevor er das Requiem vollenden konnte. Das Requiem ist die katholische Totenliturgie. Welche Rolle spielt der Tod im Kontext Ihrer Arbeit?
Kunst handelt immer von Tod. Sterben ist Teil der menschlichen Existenz. Aber gerade an Mozarts Requiem erkennt man, dass der Tod in der Kunst immer den Blick auf andere Ebenen öffnet.
Das klingt so, als wäre auch der religiöse Kontext des Requiems für Sie bedeutsam
Natürlich wurde diese Musik für eine religiöse Zeremonie geschrieben. Mit geht es dabei aber eher um eine metaphysische Grundhaltung jenseits von Konfessionen.
Sie haben erst mit 23 angefangen zu tanzen. Das ist in Ihrem Metier sehr spät.
Ich wollte ja eigentlich Dirigent werden. Zum Tanz bin ich durch Zufall gekommen, fühle mich damit aber sehr wohl. Außerdem habe ich ja auch weiterhin mit Musik zu tun, denn sie ist ein zentraler Bestandteil meiner Arbeit.
Schon nach zwei Jahren als Tänzer haben Sie Ihre erste eigene Choreographie entwickelt – eine eher unübliche Entwicklung, oder?
Ich habe früh gemerkt, dass das Choreographieren eine Ausdrucksform ist, die mir leicht von der Hand geht und mir die Möglichkeit bietet, mich auszudrücken. Es war aber kein bewusst reflektierter Schritt, eher ein Lernprozess. Ich habe mir das Stück für Stück erarbeitet.
Vor einem Jahr sind Sie mit Ihrer Compagnie nach Frankreich gezogen. Warum haben Sie Israel verlassen?
Es ist in Israel schwierig die nötigen Rahmenbedingungen für eine feste Compagnie zu finden. Es war mir wichtig, meine Tänzer anzustellen, damit sie ein festes Einkommen haben. Es gibt in Israel drei Compagnien, die von der öffentlichen Hand unterstützt werden. Wenn man ein unabhängiges Ensemble ist, muss man selbst für sich aufkommen. Das geht jedoch nur bis zu einem gewissen Punkt. Da kam das Angebot aus Frankreich gerade recht.
Israel ist in gewisser Hinsicht ein sehr junges Land. Wo liegen die Wurzeln des israelischen Tanzes?
Menschen aus unterschiedlichsten Ländern haben Israel aufgebaut und kulturell beeinflusst. Zentrale Bedeutung für den israelischen Tanz hatte die 1964 von Martha Graham gegründete Batsheva Dance Company. Aber auch der amerikanische „Postmodern dance“, der deutsche Expressionismus und das, was in den Achtzigerjahren an konzeptuellem Tanz aus Frankreich kam, haben in Israel Spuren hinterlassen.
Der israelische Tanz als Spiegelbild der israelischen Gesellschaft?
Eine schwierige Frage. Ich bin kein Anthropologe…(lacht)
Sie treten in Europa, aber auch in den Vereinigten Staaten und Südostasien auf. Stellen Sie bei Ihren Reisen Unterschiede hinsichtlich der kulturellen Strukturen fest?
Deutschland hat mit seiner einmaligen Struktur, in der jede kleine Stadt ein Theater, eine Oper, ein Ballett und ein Sinfonieorchester hat, einen absoluten Sonderstatus. Ich habe das bei meinen verschiedenen Auftritten in Deutschland hautnah miterlebt. Es ist unglaublich, was es da an kultureller Infrastruktur auch in den kleinsten Kommunen gibt. Nur Frankreich kommt dem nah, was die Wertschätzung von Kultur angeht, ist jedoch ganz anders organisiert. Beide Länder sind sich aber einig, dass Kultur alle erreichen soll und nicht nur für Eliten da ist. Diese Mentalität gibt es in anderen Ländern nicht.
Apropos Mentalität: haben Sie den Eindruck, dass Ihre Arbeit in verschiedenen Ländern unterschiedlich aufgenommen wird?
Ich würde das bejahen, obwohl es mir schwerfällt zu sagen, woran es liegt. Kulturen sind eben unterschiedlich und bedingen unterschiedliche Rezeptionshaltungen beim Publikum. Es ist natürlich etwas anderes, ob ich die „Winterreise“ in Deutschland mache oder in Frankreich. Aber ich kann nicht benennen, was den Unterschied ausmacht. Es fühlt sich einfach anders an.


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