Bayer Kultur
Wahrheiten

Die Spielzeit 2014/15

„Where the truth lives“ – so bewerben die Erfinder von Whisper ihre Social Media-Konkurrenz zu facebook. Wer hier mitmacht, muss – im Unterschied zum (noch) dominierenden Mitbewerber – nichts hinterlassen, keine E-Mail-Adresse, keine Telefonnummer. Einfach loslegen heißt die Devise. Die Wahrheit liegt nach Ansicht der Konstrukteure im Verborgenen, im Geheimen, in der Anonymität.
Dr. Volker Mattern | Leiter Bayer Kultur
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Dr. Volker Mattern | Leiter Bayer Kultur
Das wäre die aktuellste, aber auch so ziemlich die ungewöhnlichste Definition dieses komplexen Begriffs – der im umgangssprachlichen Sprachgebrauch in seiner Bedeutung eigentlich doch ganz klar zu sein scheint. In Wahrheit meint man aber oft nur zu wissen, was wahr oder falsch ist. Denn nicht von ungefähr folgt als Antwort auf bestimmte Aussagen oder Behauptungen häufig die Frage: „Ist das (wirklich) wahr?“ oder im Englischen kurz und knapp „Really?“. Schon diese alltägliche Erfahrung zeigt uns, dass es doch nicht so einfach ist mit der Wahrheit. Nicht selten sind Zweifel angebracht – in Zeiten quasi unbegrenzter Manipulationsmöglichkeiten von Nachrichten und Informationen mehr denn je.

Im allgemeinen Verständnis ist ein Urteil oder eine Behauptung wahr, sofern das damit Gemeinte mit einem (dinglichen oder undinglichen) Sachverhalt übereinstimmt. Gegen diese auf Aristoteles zurückgehende Formel wurde eingewendet, dass eine solche Wahrheit nicht erkannt werden könne, ohne dass zugleich die Übereinstimmung erkannt wird. Auch diese Erkenntnis wäre aber ein Urteil, und dessen Wahrheit musste in der Übereinstimmung mit wieder etwas anderem bestehen, womit man in einen unendlichen Diskurs käme…

Begrenzt man den Wahrheitsbegriff nur auf die „bloße Richtigkeit“ im Sinne der formalen Logik (eine Aussage ist wahr oder falsch), wird man der eigentlichen Komplexität dieses Begriffs jedenfalls nicht gerecht. Es ist der Kunst immanent, selten (oder nie) eindeutige Aussagen zu treffen. Zwar werden häufig geradezu existentielle Fragen aufgeworfen, aber klare Antworten gibt es darauf nicht; die Zuschauer oder Zuhörer sind aufgefordert, die jeweiligen „Thesen“ weiterzudenken.

Was für den einen (subjektiv) wahr ist, lehnt der andere vollkommen ab. Absolute Wahrheiten gibt es – zumindest im Kontext der künstlerischen Beschäftigung mit den Fragen des menschlichen Daseins – nicht. Das zumindest scheint wahr zu sein.

Lesen Sie Goethes Dichtung und Wahrheit und Sie werden sehen, dass auch die ganz Großen mit der Definition dieses Begriffs Schwierigkeiten haben. Der Geheimrat führt – zwecks größtmöglicher begrifflicher Klarheit – in einem Brief an Zelter den Terminus des „Grundwahren“ ein, differenziert zwischen dem „Dichten der Erinnerung“ und dem bloßen „Erdichten“ als freie Erfindung. Denn er legt auf die Wahrheit seiner Lebenserinnerung großen Wert: „…man dürfe nur die Zustände ganz treu so schildern, wie sie sich dem poetischen Auge (hic!) damals darstellten, Dichtung und Wahrheit, ohne dass Erdichtung dabei wäre.“

Blättern Sie dieses Heft mit unseren Überlegungen zu diesem Thema durch und Sie werden auf viele unterschiedliche Ansätze stoßen, sich mit Wahrheiten zu beschäftigen – ungewöhnliche, unbequeme, lustige, nachdenklich machende… Lassen Sie sich auf dieses (Erkenntnis)abenteuer im Laufe der kommenden Monate doch einfach unvoreingenommen ein.

Ich wünsche Ihnen erst einmal viel Spaß und ebenso viele Anregungen beim Stöbern in diesem Heft und begrüße Sie – natürlich auch im Namen aller meiner Kolleginnen und Kollegen – sehr herzlich zur neuen Spielzeit 2014/15.

Mein Team und ich freuen uns schon jetzt, Sie bei unserem Eröffnungsfest oder aber bei einer der vielen heiteren oder ernsten, immer aber spannenden Veranstaltungen – seien es Konzerte, Oper, Tanz, Schauspiel oder Ausstellungen – begrüßen zu dürfen. Ganz besonders freuen wir uns natürlich auf die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die mehr und mehr entdecken, wie toll und bereichernd ein Nachmittag oder Abend im Bayer Kulturhaus sein kann. Zum Schluss nochmals Goethe, der von der Poesie (also cum grano salis auch von der Kunst) sagt: „Wie ein Luftballon hebt sie uns mit dem Ballast der uns anhängt, in höhere Regionen“ – „culture for a better life“, wenn man so will. Wir freuen uns auf Sie!
Ihr
Dr. Volker Mattern
Leiter Bayer Kultur
Wenn Stawrogin glaubt, dann glaubt er nicht, dass er glaubt. Wenn er nicht glaubt, dann glaubt er nicht, dass er nicht glaubt.
Dostojewskij, Die Dämonen
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