Bayer Kultur
Spielzeit 11/12

Glauben und Wissen

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Dr. Volker Mattern | Leiter Bayer Kultur
Friedrich Nietzsche hat schon im 19. Jahrhundert behauptet, dass Gott tot sei. Heute provoziert der Astrophysiker und Bestsellerautor Stephen Hawking die Welt, wenn er behauptet, dass es Gott nie gegeben hatte. Sein neuestes Buch Der große Entwurf loste eine lautstark und kontrovers geführte Diskussion über den Ursprung des Universums aus. Vor allem seitens der Theologie regte sich Widerstand. Glauben oder Wissen?

Schließen sich Glauben und Wissen in unserer Zeit wirklich aus? Ohne Zweifel ist die Bedeutung der christlichen Religion – zumindest in den westlichen Industrienationen – zurückgegangen. Was sagt der Glaube dem modernen Menschen des 21. Jahrhunderts noch? Wird er noch gelebt? Ja und Nein. Das Wissen dagegen scheint im Sinne einer zentralen Kategorie und durch die immer schneller aufeinanderfolgenden Erkenntnisse der (Natur-)Wissenschaften für unsere Existenz ohne Alternative zu sein. Wissen ohne Glauben?
Der christliche Glaube in einer Krise, in vielen Ländern wieder antisemitische Tendenzen und die wachsende weltweite Bedeutung des Islam: Wirken sich diese „Glaubens-Tendenzen“ auch auf unser Wissen aus? Wissen durch Glauben?

Was kann die „Liebe zur Weisheit“ (oder zur „Wahrheit“) – nichts anderes heißt ja Philosophie – zur Beantwortung dieser Fragen beitragen? Erkenntnistheoretische Fragestellungen sind in der akademischen Philosophie langst in wissenschaftstheoretische gemundet. Uns „Nicht-Philosophen“ fasziniert davon unabhängig jedoch bis heute die Frage nach einer möglichst 100%igen Absicherung dessen, was wir gemeinhin „Wissen“ nennen. Der Absolutheitsanspruch der Wissenschaft wird angesichts der Weltprobleme dabei zunehmend kritisch gesehen. Und für viele schließt sich hier der Kreis: Wem das Wissen unheimlich wird, der wendet sich wieder der Religion zu. Glauben und Wissen!

Robert Musil formuliert dieses Dilemma in seinem epochalen und monumentalen Roman-Fragment Der Mann ohne Eigenschaften wie folgt: „…seiner größten Hingabe an die Wissenschaft war es niemals gelungen, ihn vergessen zu machen, dass die Schönheit und Gute des Menschen von dem kommen, was sie glauben, und nicht von dem, was sie wissen. Aber der Glaube war immer mit Wissen verbunden gewesen, wenn auch nur mit einem eingebildeten, seit den Urtagen seiner zauberhaften Begründung. Und dieser alte Wissensteil ist längst vermorscht und hat den Glauben mit sich in die gleiche Verwesung gerissen; es gilt also heute, diese Verbindung neu aufzurichten.“

Eine Forderung, die aktueller nicht sein konnte! Aber wie dem auch sei: Die Frage nach Glauben und Wissen beschäftigt – ob bewusst oder unbewusst – alle Menschen von Anbeginn bis auf den heutigen Tag, und die intensive Beschäftigung damit spiegelt sich selbstredend auch im Schaffen der Musiker, Theaterautoren, Choreographen, Literaten, Filmemacher und Bildenden Künstler wider. Über die Jahrtausende und in allen Kulturen dieser Welt.

Bayer Kultur versucht in der Spielzeit 2011/12 in mehr als 150 Veranstaltungen wenigstens einige Aspekte der künstlerischen Auseinandersetzung mit diesen zentralen Fragen des Menschseins aufzuzeigen und zur Diskussion zu stellen. Damit setzen wir unsere themenbezogene Arbeit fort. Sie hat in der vergangenen Spielzeit verstärkt auch vor dem Hintergrund der Eigen- und Koproduktionen von Bayer Kultur stattgefunden. Basis für diese neue – mittlerweile auch von Fachzeitschriften und der überregionalen Presse wahrgenommenen – Ausrichtung sind im Wesentlichen drei Pfeiler: die Zusammenarbeit mit unseren fünf Berlin-Partnern, unser stART-Projekt und l’arte del mondo als permanentes orchestra in residence von Bayer Kultur

Wir haben mit Erfolg auch Brücken zwischen diesen drei Pfeilern geschlagen. So sind die Berlin-Achse und das stART-Projekt durch die Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ verlinkt, das Brahms-Projekt führte unseren stART-Pianisten Hardy Rittner und l’arte del mondo auf der Bühne und für eine Weltersteinspielung zusammen. Und im nächsten Jahr wird l’arte del mondo im Rahmen eines Kooperationsprojektes mit dem RIAS Kammerchor auch zum ersten Mal als Botschafter von Bayer Kultur in Berlin in Erscheinung treten. 

Die soeben skizzierten neuen Ansätze machen deutlich, dass die Arbeit von Bayer Kultur im Kontext der Corporate Social Responsibility ein unverzichtbarer Bestandteil der gesellschaftlichen Verantwortung des Unternehmens war und ist. Ich möchte mich für Ihr Interesse und Ihre Hinweise sowie Ihre – nicht selten enthusiastischen – Reaktionen zu unseren Veranstaltungen sehr herzlich bedanken. Unsere Arbeit findet darin ihre wichtigste Bestätigung.

Ich heiße Sie, liebe Freunde von Bayer Kultur, zur neuen Spielzeit herzlich willkommen und hoffe, dass Sie unsere Angebote weiterhin so interessiert und wohlwollend wie bisher begleiten werden. Mein Team und ich haben jedenfalls keine Muhen gescheut, für Sie erneut ein anspruchsvolles, vielseitiges und unterhaltsames Programm zu gestalten. Wir alle freuen uns auf Sie! 

Ihr 
Dr. Volker Mattern
Leiter Bayer Kultur
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