Erinnerungen
Maren Gottschalk: Im Bauch des Riesen
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Auch mein zweites Hobby führte mich jede Woche einmal in den Keller des Erholungshauses. Die Theatergruppe der Kasinogesellschaft hatte dort einen Probenraum, und mit fünf Jahren war ich alt genug, um meine Mutter, die erst Regieassistentin und später Regisseurin war, donnerstags zu den Proben zu begleiten. Ich liebte das Theaterspielen, auch wenn ich nur ein Hühnchen in Max und Moritz war oder ein Sternchen in Peterchens Mondfahrt. Langsam wuchs ich auch in andere Rollen hinein, und so verlebte ich im Erholungshaus nicht nur wunderbare Kindertage, sondern auch einen großen Teil meiner Jugend.
Im Herbst, wenn die Aufführungen unseres traditionellen Weihnachtsmärchens sich näherten, eroberten wir den ersten Stock des Erholungshauses. Mit der Zeit fühlten wir uns heimisch dort, kannten die Bühnenarbeiter beim Namen, wussten, wann wir leise sein mussten, dass man den Bühnenmeister Herrn Renneis besser nicht ärgerte und wir nicht an einemder vielen Seile hinter der Bühne ziehen durften, weil sonst vielleicht eine Kulisse von oben herabgeschwebt kam. Unbeschreiblich, wie es war, zum ersten Mal die neuen Kulissen zu begutachten. Monatelang hatten wir mit Stühlen ein Haus angedeutet, mit Kissen ein Bett, mit einem Schultornister einen Vulkan. Nun standen die richtigen Kulissen auf der Bühne, meistens war die Farbe noch feucht, aber sofort zogen sie uns in eine wunderbare Welt hinein: in Witwe Boltes Haus, den Palast der Schneekönigin oder in eine Mondlandschaft.
Bei den Proben hatten wir viel Zeit, vor oder nach unseren Auftritten das Erholungshaus zu inspizieren. Die Welt hinter der Bühne war unermesslich groß. Es gab halbe Treppen, Flure, Winkel, Garderoben und Probenräume, und sie waren bei weitem nicht alle abgeschlossen. Wir rannten wie wild durch das Haus, spielten Fangen oder Verstecken. Nervenkitzel bedeutete es, sich über die Bühne ins Foyer zu schleichen und ganz leise in den Zuschauerraum zu stehlen. Geduckt zwischen den Stuhlreihen Nachlaufen zu spielen war das Größte, führte allerdings zu strengen Ermahnungen der Erwachsenen, wenn sie uns erwischten. Oben auf dem Balkon durften wir natürlich genauso wenig herumlaufen wie unter der Bühne beim Souffleurkasten, aber es gelang uns doch. Das Erholungshaus war unsere Burg, wir erforschten geheime Gänge, verliefen uns und entdeckten jedes Jahr etwas Neues. Nur einen Raum betraten wir nie: Das "Künstlerzimmer", fein und vornehm eingerichtet für Premierenempfänge, war heilig, und der Zutritt für Kinder und Jugendliche absolut verboten. Wir erhaschten nur ganz selten mal einen Blick hinein, wenn jemand die Tür öffnete.
Mit der Zeit entdeckten wir das Erholungshaus auf neue Weise: Wir wurden selbst Zuschauer. Wir trafen uns im Jugendabo und bei den Aufführungen großer Ballettcompagnien aus Hamburg, Stuttgart und natürlich aus Den Haag. Wir diskutierten mit Klassenkameraden und Lehrern, benahmen uns "erwachsen", waren unendlich kritisch und fühlten uns – natürlich – als Experten. Das Erholungshaus war meine Schule des Sehens und des Hörens. Hier wurde mein Verständnis für Theater grundlegend geprägt. Das Theater der 1970er Jahre war oft provozierend, frech, laut und schrill. Aber niemals fade, keinesfalls gleichgültig. Es wollte nicht nur unterhalten, sondern berühren, nerven oder gar quälen. Dabei blieb spürbar, dass es um Aussagen ging, um Konzepte und Gesellschaftskritik. Theater wurde für mich immer wichtiger. Nicht nur, um Freunde zu treffen und Abende unbeobachtet von den Eltern zu verbringen. Es waren Abende, an denen etwas mit mir passierte. Vielleicht war es ein Prozess der Selbstbewusst-Werdung. Dann der große Schock. In der Nacht vom 30. Januar 1975 brannte das Erholungshaus ab, nicht komplett, aber der Bühnenteil Bühnenteil war völlig zerstört. Wohin nun? So fragten sich nicht nur die Bayer-Philharmoniker, die Bayer-Gesangsvereine, das Mandolinenorchester, sondern auch das Bayer-Ballett und die Theatergruppe der Kasinogesellschaft. Das so genannte Schnering-Haus an der Kölner Straße wurde für zwei Jahre unsere Heimat. Dann konnte das Erholungshaus am 9. Januar 1977 mit einem Galaabend des Stuttgarter Cranko-Balletts wieder eröffnetwerden. Neugierig strömte das Leverkusener Publikum endlich wieder in den Zuschauersaal. Doch, oh Schreck, es gab einen Schönheitsfehler: Der Zuschauerraum lag zu tief, man konnte in den ersten Reihen die Füße der Tänzer nicht sehen. Der Fehler wurde behoben, Ballett war bald wieder zu genießen. Und ich versuchte, das neue Gesicht des Erholungshauses genauso zu lieben wie das alte.
Viel hat das neue Erholungshaus zu bieten. Eine Drehbühne, digitale Licht- und Musikregie, großzügige Garderoben, eine richtige Probebühne für das Theater, einen riesigen Ballettsaal oben im dritten Stock, wo ich bis heute Unterricht habe. Doch die verwinkelten Gänge sind fort, die kleinen Zimmerchen und das Flair des Altbaus. Oft habe ich auf der neuen Bühne auch nicht gestanden. Das Bayer-Ballett wurde aufgelöst, und aus dem Kindertheater war ich irgendwann herausgewachsen. Aber wenn ich jetzt an der Eisentür zur Bühne vorbeigehe, fühle ich immer noch einen magischen Sog. Heute bin ich eine begeisterte Theaterund Ballettabonnentin. Das Programm hat sich gewandelt, aber es zieht mich in seinen Bann, wie damals. Niemand ist immer zufrieden, doch nach Produktionen wie "Wer hat Angst vor Virgina Woolff", "Die Juden", "Dreimal Leben" oder dem Hamlet-Programm des Bremer TAB verlasse ich das Theater anders, als ich es betreten habe. Theater ist die Einladung, einen direkten Blick auf das Leben zu werfen, sei es das Fremde, das Verrückte, das Chaotische oder das Tragische. Das heißt aber auch: ein Blick auf das eigene Leben. Theater erscheint mir heute unverzichtbarer als je zuvor, vielleicht, weil Erwachsene durch Alltag und Arbeit viel eher als Jugendliche in die Gefahr geraten, die Auseinandersetzung mit der Welt zu vernachlässigen. Theater, gutes Theater, ist eine Sprache, die uns Zuschauer herausfordert, weil sie uns zum Denken und Mitfühlen zwingt. Fernsehen und Kino können das nicht ersetzen. Das Ballett verfügt über eine andere Sprache. Vieles erfühlen wir eher, als dass wir es mit dem Kopf verstehen. Das satte Glücksgefühl nach einem großartigen Ballettabend ist aber nicht minder intensiv.
Dass wir im Erholungshaus in der Pause – und nicht nur dann - die Gelegenheit haben, spannende Ausstellungen zu sehen, ist ein Luxus, der mir zugegebenermaßen schon fast selbstverständlich erscheint. Gäste aus Köln und Düsseldorf machen uns glücklicherweise darauf aufmerksam, wie gut wir hier kulturell versorgt sind. Als Dank dafür behalte ich meine Abos und schicke meine Kinder ins Jugendabo. Und laufe bereitwillig durch den Regen, weil es keine nahen Parkplätze gibt. Ich liebe es immer noch, dieses alte/neue Erholungshaus. Es ist ein Ort, der mich seit über 40 Jahren inspiriert. Nach außen zeigt er seine charmante Patina, aber innen lebt die Gegenwart.
Ein gutes Theater behält seine Seele.
Maren Gottschalk, Jahrgang 1962, arbeitet als freiberufliche Autorin für den WDR (ZeitZeichen) und schreibt Biographien, u.a. über Nelson Mandela und Astrid Lindgren. Sie lebt in Leverkusen und wurde 2007 mit dem Kurt-Lorenz-Preis ausgezeichnet.
Bei den Proben hatten wir viel Zeit, vor oder nach unseren Auftritten das Erholungshaus zu inspizieren. Die Welt hinter der Bühne war unermesslich groß. Es gab halbe Treppen, Flure, Winkel, Garderoben und Probenräume, und sie waren bei weitem nicht alle abgeschlossen. Wir rannten wie wild durch das Haus, spielten Fangen oder Verstecken. Nervenkitzel bedeutete es, sich über die Bühne ins Foyer zu schleichen und ganz leise in den Zuschauerraum zu stehlen. Geduckt zwischen den Stuhlreihen Nachlaufen zu spielen war das Größte, führte allerdings zu strengen Ermahnungen der Erwachsenen, wenn sie uns erwischten. Oben auf dem Balkon durften wir natürlich genauso wenig herumlaufen wie unter der Bühne beim Souffleurkasten, aber es gelang uns doch. Das Erholungshaus war unsere Burg, wir erforschten geheime Gänge, verliefen uns und entdeckten jedes Jahr etwas Neues. Nur einen Raum betraten wir nie: Das "Künstlerzimmer", fein und vornehm eingerichtet für Premierenempfänge, war heilig, und der Zutritt für Kinder und Jugendliche absolut verboten. Wir erhaschten nur ganz selten mal einen Blick hinein, wenn jemand die Tür öffnete.
Mit der Zeit entdeckten wir das Erholungshaus auf neue Weise: Wir wurden selbst Zuschauer. Wir trafen uns im Jugendabo und bei den Aufführungen großer Ballettcompagnien aus Hamburg, Stuttgart und natürlich aus Den Haag. Wir diskutierten mit Klassenkameraden und Lehrern, benahmen uns "erwachsen", waren unendlich kritisch und fühlten uns – natürlich – als Experten. Das Erholungshaus war meine Schule des Sehens und des Hörens. Hier wurde mein Verständnis für Theater grundlegend geprägt. Das Theater der 1970er Jahre war oft provozierend, frech, laut und schrill. Aber niemals fade, keinesfalls gleichgültig. Es wollte nicht nur unterhalten, sondern berühren, nerven oder gar quälen. Dabei blieb spürbar, dass es um Aussagen ging, um Konzepte und Gesellschaftskritik. Theater wurde für mich immer wichtiger. Nicht nur, um Freunde zu treffen und Abende unbeobachtet von den Eltern zu verbringen. Es waren Abende, an denen etwas mit mir passierte. Vielleicht war es ein Prozess der Selbstbewusst-Werdung. Dann der große Schock. In der Nacht vom 30. Januar 1975 brannte das Erholungshaus ab, nicht komplett, aber der Bühnenteil Bühnenteil war völlig zerstört. Wohin nun? So fragten sich nicht nur die Bayer-Philharmoniker, die Bayer-Gesangsvereine, das Mandolinenorchester, sondern auch das Bayer-Ballett und die Theatergruppe der Kasinogesellschaft. Das so genannte Schnering-Haus an der Kölner Straße wurde für zwei Jahre unsere Heimat. Dann konnte das Erholungshaus am 9. Januar 1977 mit einem Galaabend des Stuttgarter Cranko-Balletts wieder eröffnetwerden. Neugierig strömte das Leverkusener Publikum endlich wieder in den Zuschauersaal. Doch, oh Schreck, es gab einen Schönheitsfehler: Der Zuschauerraum lag zu tief, man konnte in den ersten Reihen die Füße der Tänzer nicht sehen. Der Fehler wurde behoben, Ballett war bald wieder zu genießen. Und ich versuchte, das neue Gesicht des Erholungshauses genauso zu lieben wie das alte.
Viel hat das neue Erholungshaus zu bieten. Eine Drehbühne, digitale Licht- und Musikregie, großzügige Garderoben, eine richtige Probebühne für das Theater, einen riesigen Ballettsaal oben im dritten Stock, wo ich bis heute Unterricht habe. Doch die verwinkelten Gänge sind fort, die kleinen Zimmerchen und das Flair des Altbaus. Oft habe ich auf der neuen Bühne auch nicht gestanden. Das Bayer-Ballett wurde aufgelöst, und aus dem Kindertheater war ich irgendwann herausgewachsen. Aber wenn ich jetzt an der Eisentür zur Bühne vorbeigehe, fühle ich immer noch einen magischen Sog. Heute bin ich eine begeisterte Theaterund Ballettabonnentin. Das Programm hat sich gewandelt, aber es zieht mich in seinen Bann, wie damals. Niemand ist immer zufrieden, doch nach Produktionen wie "Wer hat Angst vor Virgina Woolff", "Die Juden", "Dreimal Leben" oder dem Hamlet-Programm des Bremer TAB verlasse ich das Theater anders, als ich es betreten habe. Theater ist die Einladung, einen direkten Blick auf das Leben zu werfen, sei es das Fremde, das Verrückte, das Chaotische oder das Tragische. Das heißt aber auch: ein Blick auf das eigene Leben. Theater erscheint mir heute unverzichtbarer als je zuvor, vielleicht, weil Erwachsene durch Alltag und Arbeit viel eher als Jugendliche in die Gefahr geraten, die Auseinandersetzung mit der Welt zu vernachlässigen. Theater, gutes Theater, ist eine Sprache, die uns Zuschauer herausfordert, weil sie uns zum Denken und Mitfühlen zwingt. Fernsehen und Kino können das nicht ersetzen. Das Ballett verfügt über eine andere Sprache. Vieles erfühlen wir eher, als dass wir es mit dem Kopf verstehen. Das satte Glücksgefühl nach einem großartigen Ballettabend ist aber nicht minder intensiv.
Dass wir im Erholungshaus in der Pause – und nicht nur dann - die Gelegenheit haben, spannende Ausstellungen zu sehen, ist ein Luxus, der mir zugegebenermaßen schon fast selbstverständlich erscheint. Gäste aus Köln und Düsseldorf machen uns glücklicherweise darauf aufmerksam, wie gut wir hier kulturell versorgt sind. Als Dank dafür behalte ich meine Abos und schicke meine Kinder ins Jugendabo. Und laufe bereitwillig durch den Regen, weil es keine nahen Parkplätze gibt. Ich liebe es immer noch, dieses alte/neue Erholungshaus. Es ist ein Ort, der mich seit über 40 Jahren inspiriert. Nach außen zeigt er seine charmante Patina, aber innen lebt die Gegenwart.
Ein gutes Theater behält seine Seele.
Maren Gottschalk, Jahrgang 1962, arbeitet als freiberufliche Autorin für den WDR (ZeitZeichen) und schreibt Biographien, u.a. über Nelson Mandela und Astrid Lindgren. Sie lebt in Leverkusen und wurde 2007 mit dem Kurt-Lorenz-Preis ausgezeichnet.


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