Im Fokus
Jorinde Dröse über Friedrich Hebbels „Maria Magdalena“

„Die Furcht entsteht im eigenen Kopf“

Vor dem Start der Geburtstagssaison des Erholungshauses bringt das Maxim Gorki Theater die bürgerliche Tragödie „Maria Magdalena“ von Friedrich Hebbel auf die Bühne des Bayer Kulturhauses. Die Inszenierung des kleinsten der Berliner Schauspielhäuser ist eine Arbeit von Jorinde Dröse. Die Bayer Kulturabteilung sprach im Vorfeld mit der jungen Regisseurin.
Maria Magdalena
Bild vergrößernBild vergrößern
Maria Magdalena

Maria Magdalena gilt als letztes bürgerliches Trauerspiel. Im Zentrum steht eine Frau als Opfer autoritärer Familienstrukturen. Was reizt heute ausgerechnet eine junge Regisseurin an dem Stoff?
Ich finde Hebbels Drama unglaublich spannend, weil es ausschließlich im bürgerlichen Kontext spielt. Die Tragödie entwickelt sich ohne fremden Einfluss durch einen adeligen Akteur wie etwa in Schillers „Kabale und Liebe“. Da gibt es keine Konfrontation zwischen den Ständen. Es geht allein um den bürgerlichen Werteverlust, obwohl die ganze Zeit ein Ehrbegriff im Vordergrund steht: Es ist die Tochter, die Schande über die Familie bringt, weil sie ungewollt schwanger ist. Für mich war die Frage, wie man diese Geschichte heute erzählen kann, wo es diese bürgerlichen Gefüge nicht mehr gibt.

Hebbel zeigt ein Bürgertum, das sich selbst zugrunde richtet?

Er zeigt ein System des Drucks, das sich verselbstständigt hat. Damit geht es auch darum, wie man sich von einem solchen System emanzipiert. Das gehört zum Erwachsenwerden dazu.

Klaras Selbstmord ist aber nicht gerade ein Schritt in die Emanzipation.

Das habe ich auch so gesehen. In der Auseinandersetzung mit der biblischen Maria Magdalena, die als Jüngerin Jesu ein bedeutender Teil unserer Kulturgeschichte ist, aber auch von den männlich dominierten Kirchen zurückgedrängt wurde, bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass sich Klara in meiner Inszenierung nicht umbringt. Sie geht fort, und es ist der Vater, der sie für tot erklärt.

Hat es für Sie keine Rolle gespielt, dass wir heute in Deutschland auch Umfelder haben, in denen Frauen sehr wohl noch vor ähnlichen Problemen stehen? Stichwort Ehrenmord?

Das stimmt. Aber ich wollte die Perspektive nicht einengen. Mir war es wichtiger, das Stück als ein Modell für ein System des Drucks zu lesen, das man auch übertragen kann.

In der Presse war zu lesen, dass Sie Ihren Charakteren holzschnittartige Struktur gegeben hätten.

Es ging mir nicht darum zu vereinfachen, sondern ein Muster zu bieten. Das wird auch in der Bühne von Susanne Schuboth deutlich: Ihr furnierter Holzkasten ist die Übersetzung der Lebenswelt eines Tischlermeisters in unsere heutige Bilderwelt.

Wenn Sie das Stück in unsere Zeit holen, wer ist dann die modernste Figur für Sie?

Leonhard, mit dem Klara verlobt ist. Er ist eine aktuelle Figur, weil er sich nur um seinen Profit schert. Aber auch Klaras Bruder Karl ist in gewisser Weise modern. Er träumt davon Matrose zu werden, kommt aber nicht von zuhause weg.

Hotel Mama?

Ja. Er steht letztlich immer noch unter dem Pantoffel des Vaters, worin das verinnerlichte Familienbild besonders deutlich wird. Denn der Vater ist eigentlich kein autoritärer Typ. Er brüllt nicht herum oder neigt zu Gewalt. Er macht es eher über die Liebe.

Subtiler Terror. Kann man dieses Drucksystem auch auf andere Lebensbereiche übertragen?

Jeder kennt das aus seinem eigenen Leben. Die meisten Ängste sind viel größer als die reale Gefahr, die dahinter steht. Man muss vor seinem Chef keine Angst haben. Die Furcht entsteht im eigenen Kopf. Das hat mich bei dem Stück auch mehr gereizt als das Anklagen einer Weltordnung.

Zurück zu Klara. Wenn Sie nicht stirbt, ist sie auch nicht mehr der Typus der „femme fragile“, des weiblichen Opfers, das im 19. Jahrhundert in Literatur und Theater so bedeutsam war.

Genau diesen Typus versuche ich zu umgehen. Klara unternimmt deshalb zu einem sehr frühen Zeitpunkt den Versuch, der Mutter zu sagen, dass sie schwanger ist. Sie wird aber damit nicht wahrgenommen.

Das bedeutet, Sie haben in den Text eingegriffen?

Unwesentlich (lacht). Klara macht einmal den Ansatz und sagt: „Mama, ich bin sch…“ – Mehr ist es nicht, aber man weiß sofort, worum es geht.

Sie leben in Hamburg. „Maria Magdalena“ ist ihre erste Arbeit für das Maxim Gorki. Was ist das besondere an diesem Theater?

Es ist ein kleines Ensemble, ein wunderbares Haus mit engen Beziehungen aller Mitarbeiter, einem partnerschaftlichen wachen Intendanten und Schauspielern, die Lust darauf haben, auf die Suche zu gehen.

Die Bayer Kulturabteilung kooperiert seit langem mit den bedeutendsten Bühnen aus der Hauptstadt. Das Leverkusener Publikum kennt die Berliner Szene sehr genau.

Das finde ich großartig. Ich bin selbst in einer kleineren Stadt aufgewachsen und war total abhängig von dem Theater, das da gespielt wurde. Und wenn ein Wirtschaftsunternehmen wie Bayer so etwas ermöglich, finde ich das sehr gut.
top
top
top
top
top
top
top
top
top
Suche
Suche
Gästebuch
Service
 
Laden Sie sich hier das Bayer Kultur-Widget herunter.
 
Seite verkleinern Normalansicht Seite vergrößern