Die Bayer Kulturabteilung im Gespräch mit Monica Bleibtreu und Barbara de Koy
„Ich bin nicht Schauspielerin geworden, um die Welt zu verändern“
Die Schauspielerin Monica Bleibtreu hat auch eine komische Seite. Die lebt sie mit ihrer Kollegin Barbara de Koy aus. In einem Programm mit Texten von Karl Valentin treiben beide ein gleichermaßen humoristisches wie hintergründiges Vexierspiel mit der Tragikomik und den Absurditäten des Lebens. Mit „Das kinderlose Ehepaar“ waren die beiden am Wochenende im Erholungshaus zu Gast. Die Bayer Kulturabteilung traf die beiden Schauspielerinnen vor der Vorstellung im Künstlerzimmer zu einem kurzen Gespräch.
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| Barbara de Koy und Monica Bleibtreu in "Das kinderlose Ehepaar", 23. Februar 2008, Erholungshaus, Leverkusen |
Monica Bleibtreu: Ich bin in den letzten fünf Jahren schon drei Mal bei Ihnen gewesen. Das erste Mal mit „Rose“ von Martin Sherman, danach mit „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ von Richard Alfieri. Und dann war ich mit einer Lesung der wunderbar-düsteren Texte der argentinischen Autorin Alejandra Pizarnik im Erholungshaus. Das war ein Projekt mit der Bandoneon-Spielerin Helena Ruegg.
Wann haben Sie als Wienerin zum ersten Mal Bekanntschaft mit Karl Valentin gemacht?
Monica Bleibtreu: Das war 1970 an den Kammerspielen. Aber der Zugang ist mir leicht gefallen. Er ist ja schließlich auch einfach grandios!
Das ist bei Ihnen als Bayerin anders, Frau de Koy?
Barbara de Koy: Also ich arbeite seit den 1990er Jahren mit Valentins Texten. Aber eigentlich kenne ich ihn schon sehr viel länger. Ich habe als Kind schon den „Kaputten Scheinwerfer“ gespielt. Wissen Sie, damit ist er mir gewissermaßen in Fleisch und Blut übergegangen.
Was ändert sich bei der Arbeit mit einem solchen Autor – ändert sich da etwas?
Monica Bleibtreu: Valentin verändert sich in jedem Fall nicht. Der bleibt immer gleich. Wir sind’s eher, die sich verändern.
Barbara de Koy: Also ich bemerke in letzter Zeit einfach immer mehr eine Nähe von Karl Valentin zu Samuel Beckett und seinem absurden Theater. Aber ich bemerke auch eine gewisse Ähnlichkeit zu Herbert Achternbusch. Das liegt vielleicht auch daran, dass er mein Nachbar ist (lacht herzlich). In jedem Fall haben beide einen ganz ähnlichen Humor. Aber in Bayern entwickeln die Männer, wenn sie älter werden, offenbar leicht einen griesgrämigen Humor, der fast depressiv ist: das ist sehr kennzeichnend für Valentin. Ich war vor kurzem in Berlin im Martin-Gropius-Bau in der Karl Valentin-Ausstellung. Dort wurden auch seine Filme gezeigt. Und nach einer gewissen Zeit wird man da depressiv beim Schauen. Es ist einfach sehr viel Bitterkeit darin enthalten.
Barbara de Koy: Also ich bemerke in letzter Zeit einfach immer mehr eine Nähe von Karl Valentin zu Samuel Beckett und seinem absurden Theater. Aber ich bemerke auch eine gewisse Ähnlichkeit zu Herbert Achternbusch. Das liegt vielleicht auch daran, dass er mein Nachbar ist (lacht herzlich). In jedem Fall haben beide einen ganz ähnlichen Humor. Aber in Bayern entwickeln die Männer, wenn sie älter werden, offenbar leicht einen griesgrämigen Humor, der fast depressiv ist: das ist sehr kennzeichnend für Valentin. Ich war vor kurzem in Berlin im Martin-Gropius-Bau in der Karl Valentin-Ausstellung. Dort wurden auch seine Filme gezeigt. Und nach einer gewissen Zeit wird man da depressiv beim Schauen. Es ist einfach sehr viel Bitterkeit darin enthalten.
Also kein einfacher Humor?
Monica Bleibtreu: Nein. Und das merkt man auch bei den Aufführungen. Manchmal schmeißen sich die Leute förmlich weg. Dann aber, vor allem wenn der Saal etwas leerer ist, traut sich das Publikum nicht zu lachen. Lachen ist ja auch ein kollektives Erlebnis.
Das Programm Ihrer Lesung haben Sie selbst zusammengestellt.
Monica Bleibtreu: Barbara hat die Texte ausgesucht und die ganze Dramaturgie erarbeitet. Wir haben uns dann zusammen die Umsetzung überlegt. Es hat sich auch gezeigt, dass das Programm am Anfang zu kurz war. Das war so schnell um, dass das Publikum förmlich zusammengezuckt ist. Da haben wir es noch etwas erweitert.
Wieso haben Sie die Form der Lesung gewählt?
Barbara de Koy: Es ist einfacher herzustellen. Man braucht bei einer Lesung im Grunde nichts. Keine Maske, keine Bühne, kein Kostüm. Wenn man so etwas in Eigenregie macht, wird es einfacher, je weniger Menschen beteiligt sind.
Das bedeutet aber auch, dass sie den Texten von Valentin enorm viel zutrauen, wenn sie sie in der dieser gewissermaßen nackten Form in den Raum stellen.
Monica Bleibtreu: Ja natürlich. Aber gerade beim Humor muss man dem Text alles zutrauen können. Sonst geht es nicht.
Frau Bleibtreu, Sie arbeiten ja nicht nur fürs Theater, sondern auch für den Film? Was ist der Unterschied?
Monica Bleibtreu: Ich mache beides gern, wobei ich schon sagen muss, dass der Film oft angenehmer in der Umsetzung ist. Es ist einfach weniger Zeit da und kostet mehr Geld. Dadurch fallen die quälenden Grundsatzdebatten weg, die im Theater oft so anstrengend sind. Theater ist Marathon, dagegen ist Film Sprint.
Einem großen Publikum sind Sie sind vor allem durch „Die Manns – ein Jahrhundertroman“ von Heinrich Breloer bekannt geworden.
Monica Bleibtreu: Durch diesen Film bin ich noch einmal ins Bewusstsein des Publikums getreten. Genau das ist aber Fernsehen: man bekommt eine Popularität, die man durchs Theater nie bekäme. Ich bin ja mit den Manns nicht vom Himmel gefallen, ich habe schließlich 40 Jahre vorher gespielt. Aber plötzlich war ich bekannt.
Das waren sie aber vorher auch. Schließlich haben sie als junge Schauspielerin an den Kammerspielen mit Franz Xaver Kroetz richtige Skandalstücke gemacht.
Monica Bleibtreu: Ja, das war angeblich alles jugendgefährdend und es gab bei den Uraufführungen auch Demonstrationen von radikalen Gruppen, die mit Stinkbomben geschmissen haben. Aber das Publikum hat auch zu uns gehalten. Aus dem Zuschauerraum kamen dann Sprüche wir: „Jetzt mocht’s halt weiter, für uns stinkt's ja genauso“. Nach dem Skandal war Kroetz durch.
Eine repressive Zeit. Vermisst man aber nicht auch diese wirkliche Auseinandersetzung der Gesellschaft mit einem Theater, das heute fast schon hilflos versucht zu provozieren?
Monica Bleibtreu: Heute hält das Publikum einfach viel mehr aus. Ich bin nicht Schauspielerin geworden, um die Welt zu verändern.


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