Im Fokus
Regisseur Holk Freytag im Gespräch mit der Bayer Kulturabteilung

„Im Faust geht es um die »Selbstvergottung« des Menschen"

Die gefeierte Dresdner Faust-Inszenierung von Holk Freytag kommt nach Leverkusen. Am 4., 7. und 8. Juni ist das Stück mit seinen beiden Teilen im Forum zu sehen. Die Bayer Kulturabteilung sprach im Vorfeld mit dem Regisseur.
Ahmad Mesgarhr und Dirk Glodde
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Ahmad Mesgarhr und Dirk Glodde
Faust ist das meistgespielte deutschsprachige Stück. Das gilt aber nur für den ersten Teil. Wieso wollten sie unbedingt beide machen?
Faust I ist die »Zauberflöte des Sprechtheaters«. Aber ich finde es nicht sinnvoll, nur diesen Teil zu spielen. Auch wenn Goethe sein ganzes Leben lang am Faust gearbeitet hat, sind beide Stücke eine Einheit, die mit dem Prolog in Faust I anfängt und mit dem Epilog in Faust II aufhört. Nur in der Zusammenschau wird deutlich, dass die Zerstörung, die Faust im ersten Teil mit Gretchen beginnt, in Faust II an der Natur fortgesetzt wird.

Faust als Prototyp des Zerstörers...
…ein Faust, der eigentlich keinen Mephisto für all die Schweinereien braucht, die er begeht. Deswegen ist Mephisto in meiner Inszenierung auch ein Anwalt der Menschen, wie Goethe es im Prolog durchaus anlegt. Faust als Sinnbild für die Untiefen unserer Zivilisationsgeschichte. Da war Goethe schon sehr weit.

Ihr Faust ist eher Verführer als Verführter…
Richtig.

An Textstrichen sind auch Sie nicht vorbeigekommen.

Ich bin Hobby-Koch und weiß, dass man für jedes Gericht einen guten Fond braucht – und der entsteht durch Einkochen. Das haben wir mit dem Stoff gemacht und alles weggenommen, was subjektiv nicht zwingend notwendig ist.

Und trotzdem finden Schüler, die den Faust ja immer noch durchnehmen, alle Szenen wieder?

Das denke ich schon. Ich habe immer Schüler in den Vorstellungen und mache Einführungen und Diskussionen mit jungen Menschen sehr gern.

Was sagt ein Stück wie Faust heute noch Heranwachsenden?

Es ist das letzte Beispiel des klassischen Dramas, in dem mit Mitteln des Theaters die Welt erklärt wird. Um es mit Shakespeare zu sagen: „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als eure Philosophie sich träumen lässt.“ Es geht um das Nachdenken darüber, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Das ist gerade für Schüler interessant, und es ist auch wichtig, jungen Menschen die wunderbare Sprache Goethes nahezubringen. Wir wollen doch die Gesellschaft nicht der TV-Verflachung überlassen.

Nachwuchsförderung liegt auch der Bayer Kultur sehr am Herzen.

Das weiß ich. Bayer hat eine wahnsinnig lange Tradition in der Kulturarbeit. Langsam wächst aber auch bei anderen Unternehmen die Akzeptanz und Bereitschaft dazu, Kultur an Jugendliche heranzubringen. Wir müssen junge Menschen mit Stoffen begeistern, deren Konflikte sich nicht durch einen Lottogewinn lösen lassen. Gretchens Problem lässt sich nicht durch Geld aus der Welt schaffen.

Was für Schauspieler braucht es, um ihre komprimierte Sicht auf Faust zu füllen?

Es braucht Teamschauspieler, die Lust darauf haben, täglich darüber nachzudenken, was sie gerade machen. Da habe ich mit dem Faust-Darsteller Dirk Glodde und meinem Mephisto Ahmad Mesgarha zwei unvergleichliche Partner.

Ein starker Faktor Ihrer Produktion ist die Bühne von Olaf Altmann. Wie arbeiten Sie zusammen?

Unsere Arbeit ist ein gegenseitiges Befruchten. Faust ist unsere fünfte gemeinsame Produktion. Für King Lear hat er mir einen hermetisch geschlossenen Kasten gebaut. Bei der Bauprobe habe ich dann entschieden, dass Auftritte in diesem Bühnenbild nur von unten kommen können. Altmanns Bühnen sind immer Hightech, auch wenn sie einfach aussehen.

Wie hoch ist der Aufwand, um eine solche Produktion nach Leverkusen zu bringen?

Immens. Wir kommen bestimmt mit neun Containern.

Worum geht es im Faust? Gott und Teufel werden bemüht. Ist es ein religiöses Stück?

Das ist ein interessanter Einwand. Viele Regisseure drücken sich um den Prolog im Himmel. Aber wenn Sie das machen, haben Sie ein Problem. Wer ist der Teufel, wenn es keinen Gott gibt? Wenn die Religiosität kein Faktor, kein Gegenstand des Nachdenkens ist, was mache ich mit der Gretchenfrage, in der es doch letztlich genau darum geht: „Glaubst du an Gott?“. Das ist der Hintergrund, und dass Faust darauf keine Antwort weiß, ist für mich zentral. Sein Gottesbild ist zerstört. Mein leider verstorbener Freund Ulrich Schreiber, ein wunderbarer Kritiker, hat einmal gesagt, dass es im Faust um die »Selbstvergottung« des Menschen geht. An dieser Krankheit leidet die Figur.

Ist Faust genau aus dieser Problematik heraus ein Archetyp?

Ein Jedermann ist er gewiss. Das ist für uns zentral gewesen.

Versagen Sie sich deshalb platte Aktualisierungen? Das Herunterholen vom Sockel?

Ich hasse es, wenn man die großen alten Stücke kleinhaut und versucht, sie sich ins Wohnzimmer zu holen. Da passen sie nicht rein. Zwei Dinge kann ich am Theater nicht ausstehen: Ironie und Sarkasmus. Die Texte haben immer eine größere Dimension. Wichtiger als jede Interpretation ist die Genauigkeit der Textarbeit.
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