Im Fokus
Cornelia Froboess im Gespräch mit der Bayer Kulturabteilung

„Ich bin gewissermaßen implodiert“

Cornelia Froboess fing als Kinderstar der jungen Bundesrepublik an, wurde zum Teenager-Idol und gilt heute als Charakterdarstellerin für komplizierte Bühnenfiguren. Die Verlorenen und Verzweifelten aus Stücken und Filmen von Fassbinder, Wedekind, Ibsen, Schnitzler, Strindberg oder Tschechow sind ihre Paraderollen. Dass sie aber auch eine heitere Seite hat, zeigt sie am Sonntag, den 16. 3. 2008 im Bayer Erholungshaus in Leverkusen.
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Frau Froboess, „Man trägt wieder Berlin“ heißt Ihr Programm. Eigentlich eine Zeitreise.
Ja, eine Reise durch Berlin von ungefähr 1820 bis Wolf Biermann, also der Zeit vor dem Mauerfall.

Warum nicht bis heute?
Wissen Sie, heute gibt es einfach keine interessante Literatur aus Berlin. Meine Musiker und ich konzentrieren uns deshalb auf die schönen „Altberliner Musiken“ mit Texten verfemter oder verfolgter Dichter wie Alfred Lichtenstein, Kurt Tucholsky und all den anderen, die das Berlin der 1920/30er Jahre prägten. Dazu gehören natürlich auch die jüdischen Dichter.

Gutes Kabarett entsteht scheinbar vor allem in der Repression. Ist das der Grund, warum gerade jüdische Dichter darin so erfolgreich waren?
Ich glaube ja. Es ist nicht nur eine Mentalitätsfrage, sondern hat mit dem immensen Druck zu tun, unter dem sie von vielen Seiten standen. Daraus sind die witzigsten aber auch traurigsten Motive entstanden.

„Pack die Badehose ein!“ sangen Sie 1951 und wurden ein Kinderstar. Hätten Sie sich einen solchen Weg für Ihre eigenen Kinder auch vorstellen können?

Nein. Wobei es damals noch anders lief. Es war eine Zeit, in der es die heutigen Medien noch nicht gab – eigentlich nur das Radio, denn das Fernsehen wurde gerade erfunden. Man wurde also nicht von einer Talkshow zur anderen gereicht wie das heute passiert. Das muss für Kinder die Hölle sein, vor allem, wenn sie dazu noch ehrgeizige Eltern haben.

Also trotz Popularität eine behütete Kindheit. Wie war das, als Sie Teenager-Idol wurden und Filme wie „Conny und Peter machen Musik“ mit Peter Kraus drehten?

Mein Vater kannte die Branche sehr gut und hat mich zu meinem Leidwesen mit Argusaugen überwacht. Man wurde damals ja erst mit 21 volljährig und ich musste abends immer um zehn zuhause sein. Mit 19 habe ich meine letzte Ohrfeige von meiner Mutter bekommen, weil ich einmal zu spät heimkam. Ihr ist einfach vor lauter Angst die Hand ausgerutscht. (Lacht) Dabei waren die Zeiten damals viel ungefährlicher als heute.

Was war früher am Schlager anders?

Das weiß ich nicht genau, weil mich der Schlager heute nicht interessiert. Aber wir waren damals sicher authentischer. Es war die Zeit nach dem Krieg und die Leute wollten harmlose Unterhaltung. Wir haben ihnen die geboten und waren echt dabei: wir haben nicht harmlos gespielt, wir waren harmlos. Wenn man mich aber heute fragen würde, noch einmal „Zwei kleine Italiener“ zu singen, könnte ich das nicht.

Wie kamen Sie zum Theater?

Durch den Film. Da gab es ja auch große Schauspieler wie Gustav Knuth, Heinz Reinke, oder Hans Moser. Ich merkte schnell, dass ich ganz anders mit diesen professionellen Vaterfiguren arbeiten konnte – und die fanden mich ihrerseits begabt und drängten mich: „Besuch die Schauspielschule, du musst Schauspielerin werden!“ Eigentlich habe ich es Gustav Knuth zuliebe getan. (Lacht laut)

Was war das für eine neue Welt, die sich Ihnen da aufgetan hat?

An der Schauspielschule in Berlin begann die wichtigste Zeit meines Lebens. Endlich konnte ich mit Gleichaltrigen zusammen arbeiten. Ich war in dieser Schlager-Branche sonst immer nur mit älteren Menschen zusammen gewesen. Nun waren wir aber alle gleich und fingen bei Null an, um an Inhalten zu arbeiten. Inhalte! Wir haben uns doch beim Schlager nicht mit Inhalten beschäftigt. Ich hatte so einen Nachholbedarf an Literatur und Texten, dass ich in diese Welt versunken und nicht mehr herausgekommen bin.

Kultur als Befreiungsschlag?

Ja! Während um mich herum die 68er-Revolution explodierte, bin ich gewissermaßen implodiert. Die Revolution fand in mir statt.

Sie gehören heute zu den größten Charakterdarstellerinnen in Deutschland, gelten gewissermaßen als Expertin für kaputte Typen. Auf welche Weise passt ein Abend wie „Man trägt wieder Berlin“ in diesen Kontext?

Am Theater bekomme ich oft die komplizierten Figuren wie die von Botho Strauß oder Thomas Bernhard. Es ist wahnsinnig spannend, solche Charaktere zu erkunden und damit auch die Schattenseiten der eigenen Persönlichkeit auszuloten. Aber es ist ebenso aufregend, sich von dieser kopflastigen Ebene zu entfernen und einen solchen Abend zu machen, in dem man – anders als im Theater – direkt mit dem Publikum kommuniziert. Und das mit Tiefgang.

Sie waren schon häufig in Leverkusen. Was haben Sie für Erfahrungen mit dem Publikum?

Wunderbare. Ich bin wahnsinnig gern in der Gegend, weil die Menschen dort so offen und neugierig sind und es da so viel gibt: Ein Ballungszentrum für Kultur.

Ein Überangebot, das auch immer wieder die Forderung nach Abbau von Kultur laut werden lässt. Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang das Engagement der Bayer AG für die Kultur – ein Engagement, das immerhin einhundert Jahre alt geworden ist?

Ich finde, da kann man so eine Firma gar nicht genug loben. So etwas wie die Bayer Kulturabteilung ist eine ganz wichtige und wunderbare Einrichtung. Da kann man nur den Hut vor ziehen.
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