Im Fokus
Andreas Staier im Gespräch mit der Bayer Kulturabteilung

„Musik ist wie ein Urwald…“

Andreas Staier ist gefragter Spezialist für das Hammerklavier. Am 15. April ist er zu Gast im Erholungshaus am 14. April der Historischen Stadthalle Wuppertal. Er spielt die Contrasonate von Brice Pauset, die Schuberts Sonate a-Moll op. 42 D 845 einkapselt. Die Bayer Kulturabteilung sprach im Vorfeld mit dem Ausnahmemusiker.
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Sie gelten nicht nur als Experte für Alte Musik, sondern auch als Kenner historischer Tasteninstrumente. Nun spielen sie bei uns Zeitgenössisches – wie passt das zusammen?
Ich habe mich zwar immer für moderne Musik interessiert, als aber die Sprache darauf kam, Brice Pauset einen Kompositionsauftrag für ein Stück zu geben, das ich uraufführen sollte, war ich zunächst skeptisch. Es gibt ja viele moderne Stücke, die das Instrumentarium stark beanspruchen, und ich hatte wenig Lust, mein Instrument in Stücke zu hauen. Als wir uns dann aber zum ersten Mal trafen, merkte ich, dass Pauset sich mit alten Instrument noch viel besser auskennt als ich. Meine Sorge war unbegründet und was er zur Musik zu sagen hatte, hat mich tief beeindruckt.

Wie hat sich die Zusammenarbeit mit Pauset dann gestaltet?

Sie hat zunächst gedauert. Ich hatte es zur Bedingung gemacht, dass der Uraufführungs-Termin erst dann festgelegt wird, wenn ich die Partitur komplett habe. Oft trudeln die letzten Blätter einer zeitgenössischen Komposition kurz vor der Premiere beim Interpreten ein. Mir war von vorneherein klar, dass ich Pausets Stück nicht einfach in einer Woche würde lernen können. Das Stück ist 50 Seiten lang, und ich mache moderne Musik auch nicht jeden Tag. Als Klavierspieler hat man ja ohnehin immer die meisten Noten zu lernen.

Pausets Contrasonate ist für einen Flügel aus der Zeit Schuberts geschrieben und rahmt dessen Sonate a-Moll op. 42 gewissermaßen ein. Wie hängen beide zusammen?

Pausets Stück bildet eine Einleitung für Schuberts Komposition, nach der die gesamte Sonate gespielt wird, um dann "attaca", also ohne Pause Pausets Schluss-Satz direkt anschließen zu lassen. Der erste Satz von Pauset ist wie eine Exposition mit andern Mitteln, eine Einstimmung auf sehr unterschiedlichen Ebenen. Im letzten Satz nach der Sonate ist es fast ein Auflösungsprozess, in dem sich die Musik in sich selbst zurückzieht und gewissermaßen verschwindet; im Grunde eine Fortsetzung eines Prozesses, der bei Schubert schon anfängt.

Gibt es auch inhaltliche Bezüge?

Zwei offene Zitate im ersten Satz erkennt man ohne weiteres. Es gibt aber sehr viel mehr Bezüge auf vielen unterschiedlichen Ebenen. Während des Übens wurde mir klar, dass sich der erste Satz der Kontrasonate komplett auf den ersten Satz der Schubertsonate bezieht: Der letzte Satz – der Epilog sozusagen – steht hauptsächlich mit dem Material der allerletzten Coda in Schuberts Sonate in Beziehung. Darüber hinaus gibt es einige esoterische Verbindungen. Das ist nicht so viel anders als in der niederländischen Polyphonie des 15. Jahrhunderts. Das Kompositionsjahr 1825 der Sonate determiniert mit seinen Zahlen 1, 8, 2 und 5 bestimmte rhythmische Verhältnisse und Proportionen. Bei Bach findet man so etwas ständig, beispielsweise im e-Moll Chor der Matthäuspassion, wo die Bassnote 41-mal wiederholt wird. 41 entspricht dem Ergebnis, das man erhält, wenn man die Zahlenwerte der Buchstaben des Namens J.S. Bach addiert.

Ist die Kombination eines modernen Stücks mit einem etablierten Werk des Repertoires auch ein geschickter Schachzug, um Zeitgenössisches ins Konzertleben zu integrieren?

Als Marketingstrategie? Ich glaube kaum, dass es Pauset darum geht. Eigentlich wurde immer schon Musik über Musik komponiert. Mendelssohn, Schumann und Brahms haben eigentlich ihr ganzes Leben lang Musik über Bach und Beethoven geschrieben. Bach selbst hat all diese polyphonen Werke, die er in der Spätzeit geschaffen hat, aus der Beschäftigung mit Palestrina heraus entwickelt. Die Musik ist wie ein Urwald, wo ein Baum verfällt und dabei neue Bäume und Pilze wachsen lässt. Dazu passt Pausets Ansatz sehr gut.

Ist es nicht schwierig bei dieser Contrasonate 175 Jahre stilistisch zu überbrücken?

Es ist erstaunlich, aber ich hatte immer das Gefühl, dass die strukturellen Gemeinsamkeiten der beiden Stücke es für mich einfacher machen, nach Pausets Einleitung die Schubert-Sonate zu spielen. Umgekehrt ist es sehr schwierig aus dem letzten Schubert-Satz in Pausets Epilog zu kommen. Das hat aber rein spieltechnische Gründe. Wenn man das Accelerando der Coda, von der wir gerade sprachen, auch nur ein Härchen zu stark spielt, dann kommt man wirklich in Teufels Küche. Dann fällt alles übereinander – es ist ein Moment, vor dem ich immer Angst habe.

Da muss man architektonisch denken?

Letztlich ist das nichts anderes als bei der Musik der Wiener Klassik, die ihre Architektur über lange Distanzen hinweg plant. Beethoven ist ja das Paradebeispiel dafür.

Sie waren schon oft Gast der Bayer Kulturabteilung.

Ja. Und ich freue mich darauf wieder zu kommen, denn die Akustik des Erholungshauses ist gerade für dieses Stück sicher ganz wunderbar.

Die Kulturabteilung und das Erholungshaus feiern ihr hundertjähriges Bestehen. Wie bewerten sie das Engagement eines Unternehmens für die Kultur in Zeiten allgemeiner Streichungen?

Es ist im Grunde eine gesellschaftliche Frage, die sehr viel mit der Ausbildung junger Menschen zu tun hat. Diese ganze Hysterie nach der ersten Pisa-Studie zeigte sehr deutlich, dass in der Politik hauptsächlich auf naturwissenschaftliche Fächer Wert gelegt, die sich wirtschaftlich besser machen. Geisteswissenschaftliche und kulturelle Dinge stehen weniger im Fokus, obwohl zwischendurch immer wieder jemand entdeckt, dass Kunst und gerade Musik extrem wertvoll für die Ausbildung intellektueller und sozialer Fähigkeiten sind. Aber im nächsten Augenblick wird das wieder vergessen.

Genau aus diesem Grunde ist Bayer seit Jahrzehnten auch in der Nachwuchsförderung aktiv.

Ich glaube, das ist das allerwichtigste. Ich habe größte Hochachtung vor allen, die sich da engagieren.
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