Das Erholungshaus - Bayer Kulturhaus seit 1908
Ein Kulturhaus wird hundert

Das Erholungshaus - Bayer Kulturhaus seit 1908

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Erholungshaus Gartenseite, um 1930
Vor 100 Jahren, am 13. September 1908, wurde in Wiesdorf das Erholungshaus vom ersten Generaldirektor der Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & CO., Prof. Dr. Carl Duisberg, feierlich eröffnet.
Der Name "Erholungshaus" spiegelt bis heute das unternehmerische Denken des beginnenden 20.Jahrhunderts. Für das Unternehmen, das seine Direktion 1912 von Wuppertal nach Wiesdorf verlegte, war das Erholungshaus zentrale Versammlungs-, Vergnügungs-, Bildungs- und Sportstätte. Errichtet wurde es für die Mitarbeiter, deren Familien und die sog. Fabrikvereine, die auf der Basis von Abteilungen den geselligen Austausch und die Weiterbildung ihrer Beamten und Arbeiter organisierten.

Patriarchalische Unternehmensführung

Das Erholungshaus wurde im Zuge der 1916 fertig gestellten Wohnkolonie II, der Kolonie Anna, erbaut. Seit 1900 hatten die Farbenfabriken an der Nordgrenze der großindustriellen Siedlungsfläche, die am Rhein entstanden war, mit sogenannten Viertelhäusern Wohnraum für rund 1.000 Familien geschaffen. Diese Vierfamilien-Häuser wurden in altdeutschem Fachwerkstil errichtet. Die Siedlung wurde nach dem Vorbild der englischen Gartenstadtbewegung angelegt: Jede Mietpartei erhielt eine eigene Parzelle, in der ein Nutzgarten bewirtschaftet und ein Schwein gehalten werden konnte. Der Werkwohnungsbau begann allerdings schon 1895 mit dem Bau der Kolonie I, deren Häuser noch nicht so komfortabel ausgestattetwaren wie in der späteren Kolonie II. Als Sozialund Wohlfahrtseinrichtung fügte sich der neue Mehrzweckbau in ein unternehmerisches Denken ein, das auf die Ansiedlung eines ausgebildeten Facharbeiterstammes in unmittelbarer Werksnähe ausgerichtetwar. Entsprechend dem zeittypischen Leitbild einer patriarchalischen Unternehmensführung wurde der Lebensraum der beschäftigten Arbeiter und Beamten mit unternehmenseigenen Bildungs-, Sozial- und Kommunikationseinrichtungen ausgestattet. Das Unternehmen begleitete mit seinem sozialen Angebot jeden Einzelnen "von der Wiege bis zur Bahre" – vom Wöchnerinnenheim bis zur Feuerbestattung.

Von der Idee bis zur Eröffnung nahm die Errichtung des Erholungshauses knapp über zwei Jahre in Anspruch. Die Anregung zum Bau kam im Mai 1906 anlässlich der Silberhochzeit des Kommerzienrats Friedrich Bayer jr. auf. Der Antrag für den Bauschein wurde am 8. September 1906 gestellt und am 6. Dezember des Jahres von der Gemeinde Wiesdorf genehmigt. Im Winter 1907 waren die Rohbauarbeiten bereits abgeschlossen. Die Ausarbeitung der Pläne und die Bauleitung lagen in den Händen der Bauabteilung der Farbenfabriken unter der Leitung von Baumeister Heinrich Blatzheim.

Elemente des Neobarock

Die Architektur des Erholungshauses nahm in der Fassade Elemente des Neobarock auf – die Schmiedearbeiten der Geländer und die Wandausmalung im Saal wurden vom Jugendstil inspiriert. Das Gebäude war in zwei Teile gegliedert. Im Erdgeschoss enthielt es Räume für die Tagesrestauration und einen Billardsaal. Im Sinne der zeitgenössischen Volksbildungskonzeption, wie sie in der Lesehallen-Bewegung des Bibliothekars Constantin Nörrenberg um die Jahrhundertwende formuliert worden war, wurde das Haus mit einer Lesehalle ausgestattet. Die Handbibliothek zählte 1.500 Bände mit populärwissenschaftlicher Literatur und bot 30 Zeitungen und Zeitschriften zur Lektüre an. Die Wände dieser ersten Lesehalle, die 1927 in das Ledigenheim übersiedelte, zierten Wechselfriese mit Kunstreproduktionen der Antike, des Mittelalters und der Neuzeit. Darüber hinaus waren in diesem Gebäudeteil die Büfett- und Küchenräume, ein Proben- und Stimmsaal, ein Sitzungszimmer und die Wohnung des Gastronomen untergebracht. Im Souterrain befanden sich der Wirtschaftsund Haushaltskeller sowie die Fleisch- und Bierkühlräume.

In dem zweiten Gebäudeteil lag der 18 x 28 m große Saal mit den eingebauten Galerien und der Bühne, in die eine abdeckbare Weitsprunggrube integriertwar. Im Souterrain waren zwei Doppel-Kegelbahnen, ein Möbelkeller für die im Winter dort gelagerten Gartenmöbel und die Heizungsanlage untergebracht. Unter dem Bühnenraum befanden sich Garderoben-, Wasch- und die Baderäume der Turner. Hinter dem Saalbau an der Dhünnstraße schloss sich der Sommerturnplatz an, die Südseite des Gebäudes wurde von einem Restaurationsgarten eingefasst.

Zum Wohlfahrtspark gehörten ein Wöchnerinnenheim und eine Haushaltsschule. In der Satzung vom Juni 1908 wurde der Zweck des Gebäudes folgendermaßen umrissen: "Das Erholungshaus […] bezweckt die Pflege des geselligen Verkehrs unter sämtlichen Werksangehörigen zur Förderung gegenseitiger Achtung und gegenseitigen Vertrauens." Der Zugang zum Haus und die Teilnahme an den Veranstaltungen waren an die Mitgliedschaft in einem Verein gebunden, der sich erst in den Dreißigerjahren auflöste. Spätestens mit dem gemeinsamen Konzert- und Theaterring, mit dem 1936 eine neue Phase in der Zusammenarbeit von Stadt Leverkusen und Bayerwerk begründetwurde, öffnete sich das Erholungshaus auch für Nicht-Bayermitarbeiter.

"Festlichkeit an Festlichkeit"

Seit Januar 1910 erschien für die Mitglieder des Erholungshauses eine eigene Zeitschrift: "Die Erholung". Diese diente nicht nur der Vorankündigung des Spielplanes, sondern auch als Chronik des Vereins- und Kulturlebens. Erstmals erntete das Haus in der Weimarer Republik ideologischen Widerspruch. Das kommunistische Solinger Volksblatt schrieb: "Wer nach Wiesdorf kommt und das Erholungshaus der Farbenfabriken sieht, wird ohne Zweifel auf den Gedanken kommen, dass hier wirklich der Arbeiter nach des Tages Last und Mühe Erholung finden kann. […] Und doch ist das Erholungshaus alles andere, aber keine Stätte der Erholung: Es ist Vergnügungsetablissement im wahrsten Sinne des Wortes.[…]Der Arbeiter soll durch Theateraufführungen, Konzerte und Bälle von der traurigen Wirklichkeit abgelenktwerden, er soll die Welt des Scheins im seligsten Lichte sehen, darum Festlichkeit an Festlichkeit. Jubel und Trubel dürfen kein Ende nehmen. Arbeiter der Farbenfabriken! Das Erholungshaus ist keine Bildungsstätte, wie euch immer wieder vorgeschwätztwird, das Erholungshaus ist nur ein Wirtschaftsbetrieb wie jeder andere und weiter nichts. Meidet das Erholungshaus, ihr werdet dort nur eure sauer verdienten Groschen los." (Solinger Volksblatt vom 27. April 1922).

Bis zur Bühne abgerissen

Ungeachtet solcher politischen Stellungnahmen konzentrierte sich der erste Leiter der Kulturabteilung, Dr. Hugo Caspari, auf die musikalische Volksbildungsarbeit, für die er in der renommierten "Neuen Zeitschrift für Musik" eine Konzeption entwickelte. Vom "Vortrag über musikalische Gegenstände" bis zum "Orchesterkonzert" reichte die Palette dieser didaktisch ambitionierten Volksbildung, die den Wiesdorfern – noch vor der Gründung Leverkusens im Jahre 1930 – im Erholungshaus ein Musikleben von beispielhafter Vitalität zur Verfügung stellte: Schon 1926 konnte Caspari beim 125. Stuhlkonzert Hermann Abendroth mit dem Gürzenich-Orchester in Leverkusen begrüßen. Im Februar 1923 erhielt das Erholungshaus seine erste Orgel: ein gebrauchtes Modell, "günstig erworben", wie die Akten erzählen. Mit der 1927 in den Saal eingebauten Klais-Orgel, die über drei Manuale und 45 Register verfügte und vom Kölner Domorganisten Hans Bachem eingeweihtwurde, setzte die "Oratoriengesellschaft" im Erholungshaus bis in die Dreißigerjahre konzertante Akzente. Der Einbau dieser Orgel ging einher mit einer der größten Umbaumaßnahmen in der Geschichte des Hauses. Das Bühnenhaus wurde bis zum Vorhang abgerissen, so dass eine Bühne mit der bespielbaren Fläche von 12 x 16 Metern (gegenüber der alten von 6 x 10 Metern) entstand. 1938 – zum 75-jährigen Firmenjubiläum des Unternehmens, dessen Festakt im Haus stattfand – wurden Garderoben und Requisitenraum ausgebaut und erneuert. Dazu wurde eine Bestuhlung für 1.500 Personen angeschafft. Den Zweiten Weltkrieg überstand das Haus mitwenigen Zerstörungen. Am 26. Oktober 1944 wurde das Gebäude von sechs Brandbomben getroffen, die jedoch rechtzeitig gelöschtwerden konnten.

Ein zentrales Forum

Nach Kriegsende wurde das Erholungshaus kurzzeitig zu einem dicht mit Veranstaltungen belegten multifunktionalen Freizeitzentrum, das gleichermaßen als Kino oder auch als Boxring fungierte. Allein zwischen dem 24. August und dem 3. Dezember 1945 gab es 285 Veranstaltungen: 130 deutsche Filme wurden von 63.960 Besuchern gesehen. 21 englischsprachige Filme hatten 1.400 Besucher. Zu zwei Boxkämpfen Ende des Jahres kamen 2.200 Zuschauer. Hinzu kamen 48 Kabarett- und Varieté- Veranstaltungen, zwei Opern, sieben Operetten, 16 Konzerte, zwei Schauspiele, 15 Märchenaufführungen, vier Tanzabende, sechs Bunte Abende, acht Versammlungen und 24 englische Tanzabende.

Zwischen 1948 und 1950 war das Erholungshaus der Schauplatz für eine enge Zusammenarbeit mit dem NWDR. "Was Opern- und Schauspielhäuser für die Großstädte sind, das ist das Erholungshaus für Leverkusen. Und nicht nur das: Über zwei Jahre benutzte es der NWDR Köln auch als "Funkhaus" (Kölnische Rundschau vom 12.9.1950). In den Fünfzigerjahren etabliert sich das Erholungshaus als zentrales Forum der Bayer-Kulturarbeit, die durch die Verknüpfung eines hochkarätigen Gastspiel- und Ausstellungsbetriebs mit der ambitionierten Arbeit der kulturellen Werksvereine zu einem Modellfall deutscher Unternehmenskultur wird.

Veritables kulturhaus

Weitere umfassende Modernisierungen des Erholungshauses datieren aus dem letzten Viertel des vergangenen Jahrhunderts. Im Dezember 1975 brennt der Bühnenturm völlig aus. Sein Wiederaufbau wird mit dem Einbau zusätzlicher bühnentechnischer und servicefreundlicher Einrichtungen verbunden: Die Pausenfoyers werden als Ausstellungsräume hergerichtet, die auf zwei Etagen über eine Gesamthängefläche von 220 laufenden Metern verfügen. Garderobenräume, Schwerbehinderteneinrichtungen, ein neuer Orchestergraben, eine Drehscheibe und eine moderne Beleuchtungsanlage erhöhen darüber hinaus die technische Leistungsfähigkeit des Theaterund Musiksaales. Die für die Zuschauer wichtigste Neuerung des großen Saales findet 1997 statt – jede Stuhlreihe des Erholungshauses wird auf eine eigene Podesthöhe gebaut. Weiterhin kann der große Saal auch flach bestuhltwerden. Die wichtigste Spielstätte der Bayer-Kultur ist mit einem Spielplan, der jährlich wechselnde künstlerische und kommunikative Schwerpunkte setzt, ein veritables Kulturhaus, das im Heute seinen Platz hat.
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